Propagandistische Quellen haben France 24 nicht existente Statistiken zugeschrieben, wonach die Europäer angeblich massives Interesse an der Siegesparade in Moskau hätten. Tatsächlich hat France 24 solche Informationen nicht veröffentlicht, eine Methodik zur Ermittlung der Zahl von „80 % der Nutzer“ existiert nicht, und öffentlich zugängliche Daten, darunter Google Trends und Meinungsumfragen, bestätigen die Behauptungen über ein massives Interesse der Europäer an der russischen Parade nicht.
In den sozialen Netzwerken verbreitet sich die Meldung, dass der französische Fernsehsender France 24 angeblich von einer „Rekordzahl“ an Europäern berichtet habe, die am 9. Mai die Siegesparade auf dem Roten Platz verfolgt hätten. In den Beiträgen wird behauptet, dass etwa 80 % der Nutzer in Frankreich, Deutschland, Polen und anderen EU-Ländern die Übertragung der Parade verfolgt hätten.

Tatsächlich entspricht diese Meldung nicht den Tatsachen. Auf der Website von France 24 sowie auf den offiziellen Seiten des Senders gibt es keinen Beitrag mit solchen Zahlen. Auch andere renommierte internationale Medien haben darüber nicht berichtet.
Die Verbreiter dieser Falschmeldung geben weder einen Link zum Beitrag von France 24 noch den Titel der Studie, noch die Berechnungsmethode noch Angaben dazu an, wer genau und auf welche Weise die „Aufrufe“ der Siegesparade unter den Nutzern in den EU-Ländern gemessen hat. Tatsächlich stützt sich die Behauptung ausschließlich auf den Verweis auf eine nicht existierende Veröffentlichung von France 24.
Schon die Behauptung bezüglich der „80 % der Nutzer“ erscheint aus methodischer Sicht unglaubwürdig. Um eine solche Schlussfolgerung zu ziehen, müsste man Zugang zu den Daten der größten Plattformen, Fernsehsender, Streaming-Dienste und Suchmaschinen in mehreren Ländern gleichzeitig haben und zudem klar definieren, wen genau die Autoren als „Nutzer“ bezeichnen – alle Internetnutzer, die Zuschauer einer bestimmten Übertragung oder das Publikum einzelner Plattformen. In den verbreiteten Veröffentlichungen fehlen solche Daten. Mehr noch: Wenn es sich tatsächlich um ein so weitreichendes Phänomen handeln würde – das Interesse der Mehrheit der Nutzer in Frankreich, Deutschland, Polen und anderen EU-Ländern an der russischen Militärparade –, wäre dies ein bemerkenswertes Nachrichtenereignis und hätte in öffentlich zugänglichen Quellen und Medien Beachtung gefunden. Es gibt keinerlei Belege dafür.
Eine zusätzliche Überprüfung mittels Google Trends bestätigt die These eines massiven Interesses in Frankreich ebenfalls nicht. Bei der Suchanfrage „Victory parade“ ist in Frankreich in den letzten sieben Tagen lediglich ein kurzer, einmaliger Anstieg am 10. Mai gegen 21:00 Uhr zu erkennen, woraufhin das Interesse praktisch wieder auf Null zurückfällt. Bei der russischsprachigen Suchanfrage „парад победы“ ist am 9. Mai gegen 10:00 Uhr ein kurzer Spitzenwert zu verzeichnen, danach sinkt der Wert schnell ab und bleibt ebenfalls auf einem minimalen Niveau. Es ist wichtig zu beachten, dass Google Trends nicht die absolute Anzahl der Suchanfragen anzeigt: Der Wert 100 bedeutet lediglich einen Spitzenwert des relativen Interesses im ausgewählten Zeitraum und in der ausgewählten Region, nicht den Prozentsatz der Nutzer oder die Anzahl der Suchanfragen. Google erklärt ausdrücklich, dass die Trends-Daten auf einer Skala von 0 bis 100 relativ zum Maximalwert unter den ausgewählten Suchbedingungen normiert werden. Daher bedeutet selbst ein Wert von 100 in Google Trends nicht, dass sich „100 % der Nutzer“ für das Thema interessiert haben, und bestätigt erst recht nicht, dass 80 % der Europäer die Übertragung gesehen haben.


Auch der weitere Kontext widerspricht der These von einer massiven Sympathie der Europäer für Russland, deren Beleg ja gerade die nicht stattgefundene Übertragung der Parade hätte sein sollen. Laut einer im Juni 2025 veröffentlichten Studie des Pew Research Center liegt der Medianwert der negativen Einstellung gegenüber Russland in 25 Ländern bei 79 %, und 84 % der Befragten misstrauen Wladimir Putin in Fragen der Weltpolitik. Eine weitere Pew-Studie zeigt, dass im Durchschnitt nur 19 % der Befragten eine positive Meinung über Russland haben, während 79 % eine negative Meinung vertreten. Nach Angaben der Gallup World Poll lag die Zustimmung zur russischen Führung im Jahr 2025 selbst in den Ländern Ost- und Südeuropas, des Kaukasus und Zentralasiens, in denen Russland traditionell eine stärkere Position hatte, bei nur 22 %. Diese Daten erfassen zwar nicht die Zuschauerzahlen der Parade, zeigen jedoch den allgemeinen Kontext auf: Die Behauptung, es gebe ein massives europäisches Interesse und eine tatsächliche Unterstützung für die symbolische Militäraktion Russlands, steht im Widerspruch zu den tatsächlichen soziologischen Trends.
Es ist nicht das erste Mal, dass Russland solche Meldungen verbreitet. Bereits zuvor hatte StopFake die Falschmeldung widerlegt, wonach Ukrainer angeblich „massiv nach Links“ zur Übertragung der Siegesparade in Moskau suchten. Damals zeigte eine Analyse von Google Trends, dass das größte Interesse an dieser Suchanfrage vorwiegend in den besetzten oder teilweise besetzten Regionen der Ukraine verzeichnet wurde und nicht im ganzen Land. Im vorliegenden Fall wird ein ähnlicher Trick angewendet: Begrenzte oder gar unbestätigte Daten werden als Beweis für ein massives Interesse an der russischen Parade außerhalb Russlands ausgegeben.
Das Ziel solcher Desinformation ist es, die Illusion zu erwecken, Russland befinde sich angeblich nicht in internationaler Isolation, sondern die europäische Öffentlichkeit interessiere sich – entgegen der Haltung ihrer eigenen Regierungen – massenhaft für russische Staatssymbole und unterstütze die Agenda des Kremls. Zuvor hatte StopFake bereits falsche Informationen widerlegt, wonach die Berliner Polizei angeblich „pro-ukrainische Provokateure“ am sowjetischen Denkmal auseinandergetrieben habe.



