Julian Röpcke ist Redakteur in der Politikabteilung der Bild-Zeitung und arbeitet im Online-Bereich sowie im Print-Bereich. Vor seiner Arbeit bei Bild war er als OSINT-Berichterstatter bei Twitter unter dem Namen Conflict-Report aktiv und erreichte mit seinen OSINT-Recherchen eine sehr große Followerzahl.  Aktuell hat Julian Röpcke knapp 44.000 Follower bei Twitter. Er gehört zu den führenden investigativen deutschen Journalisten, die sich intensiv mit informationeller Kriegsführung, Propaganda, Geolocating und Konflikten allgemein beschäftigen. StopFake-Deutsch besuchte Julian Röpcke Anfang Februar in Berlin um mit ihm persönlich ein Exklusiv-Interview durchzuführen. Themen des Interview waren seine Arbeit bei Bild, Strategien gegen Fake News, die Propaganda-Maschinerie des Kreml sowie staatliche und zivilgesellschafliche Antworten auf hybride Bedrohungen. 

Konflikte übten auf Röpcke immer eine große Faszination aus. Nicht nur in der Ukraine oder im Nahen Osten, sondern auch alle Konflikte, die im Weltgeschehen präsent sind. Dabei war immer die Frage wichtig: Was ist „on the ground“ zu sehen? Wieso starben im Irak eine Vielzahl an US-Soldaten, obwohl wir doch gehört haben „misson accomplished“ und der Krieg sei zu Ende? Später hat er sich mit der Informationsschiene des Krieges beschäftigt. Vorher lehrte er an der Universität Potsdam zum Thema: „Medien, Terrorismus und Raum“ und forscht an den Fragen: Wo liegt der Zusammenhang zwischen Terrorismus und Medien? Wann wird ein Terroranschlag interessant für die Medien? Daran schließt sich für ihn das Thema der informationellen Kriegsführung; von Propaganda an. Sowie die Frage, inwiefern können Journalisten helfen eine Gesellschaft dagegen resilienter zu machen.


StopFakeDE: Lieber Herr Röpcke, vielen Dank für die Möglichkeit heute ein Interview durchzuführen. Uns würde zu Beginn vor allem Ihre Arbeit bei der Bild-Zeitung interessieren. Woran erkennen Sie bei Ihrer Arbeit, dass es sich bei einer Meldung um Propaganda oder um eine gefälschte Meldung handelt? Wie gehen Sie vor, können Sie dies kurz beschreiben?

Julian Röpcke: Oft beginnt es damit, dass eine Agentur eine Meldung bekommt und diese Meldung von einer öffentlichen bzw. staatlichen Stelle stammt. Das ist in den meisten Konflikten der Fall und vor allem bei Konflikten, wo wir selbst schwer zu Informationen bekommt. Beispielsweise in Syrien, beispielsweise in der Ostukraine.

Und dann ist die Frage: Berichten wir dies einfach? In der Vergangenheit wurde dies oft in dieser Art gemacht und gesagt: So ist dies oder so ist dies, aber wir können es nicht nachprüfen. Oder schauen wir uns selber an, ob wir diese Nachricht verifizieren können. Dies ist gerade in Kriegssituationen oft der Fall und dafür gibt es Open-Source-Quellen, die wir anzapfen können und versuchen quer zu überprüfen, inwiefern die gemachten Statements, die angeblich passiert sein sollen, sich wirklich nachvollziehen lassen. Nachvollziehen lassen mit Posts, Videoaufnahmen, mit Zeugenaussagen, mit Fotos, mit verschiedenen Dingen, die von Menschen in der Nähe gesagt wurden. In dieser Art und Weise können wir versuchen zu überprüfen, ob es sich um eine wahrheitsgemäße Aussage handelt oder ob es sich um sogenannte „Fake News“ oder übertriebene, nicht zutreffende, angebliche Fakten handelt.

Und was wir selbst als sehr wichtig empfinden ist, dass ein entsprechendes Medium dies mit dazuschreibt. Über Jahrzehnte war es im Journalismus der Fall und auch heute ist dies bei vielen Anstalten so, dass berichtet wird: „A sagt, Punkt“, „B sagt, Punkt“, Zusammenfassung: Beide Seiten widersprechen sich, kein weiterer Kommentar.

Wir können heute aber sagen: „A sagt, Punkt“; „B sagt, Punkt“; Zusammenfassung: Wir können zeigen, dass Partei B lügt und A hat Recht. Wir sagen dies, wenn wir dies wirklich sagen oder nachweisen können. Manchmal können wir es nicht hundertprozentig sagen, aber schreiben: „Vieles spricht dafür, dass B hier lügt und dass A wesentlich näher an der Nachricht dran ist.“

StopFakeDE: In der Ukraine gibt es zwischen Journalisten eine hitzige Diskussion über die Frage wie Medien und Journalisten über den aktuellen Krieg in der Ukraine berichten sollen. Es geht dabei im Kern um die Frage, wie Journalisten am besten russische Propaganda bekämpfen sollten. Ist es a) besser Gegen-Propaganda gegen die russische Seite zu machen? Nicht lügen, aber zumindest sehr emotionale Nachrichten und Geschichten über die ukrainische Armee und eigene Erfolge zu machen oder b) die Position; die absolut trockene Wahrheit zu berichten, auch für den Fall, dass die eigenen Nachrichten dann weniger Aufsehen erregen. Es gibt wirklich zwei Camps, die sich in der Ukraine gegenüber stehen. Was ist die Position der Bild-Zeitung in diesem Fall?

Julian Röpcke: Die Antwort ist ganz eindeutig: Ein gesunder Mix aus beiden Camps, auch wenn ich Gegen-Propaganda im Sinne von Gegen-Lügen ganz klar ausschließen würde. Dies sollte Medien auf gar keinen Fall tun.

Was ich aber nicht ausschließen würde, wäre die Fakten ähnlich emotional und persönlich darzustellen, wie es derzeit der Kreml tut. Denn wir sehen, dass diese Nachrichten besonders gut verfangen. Dies betrifft die gesamte Audienz, beim gesamten Publikum. Dies bedeutet für uns nicht, die Unwahrheit zu sagen, sondern es bedeutet das was Boulevard schon seit Jahrzehnten macht: Auf die Personen, auf die tatsächlich Betroffenen zu gehen.

Beispielsweise: Wenn ich einen großen Konflikt sehe. Dies hat gerade Paul Ronzheimer in der Ukraine gemacht. Dieser hat über Frau berichtet, deren Hund im Beschuss gestorben ist. Und natürlich gibt es dann auch ein Bild vom Hund und natürlich wird die Frau interviewt und es wird gesagt dass in Awdijiwka geschossen wurde. Es wurde zwar niemand bei diesem einen Angriff verletzt, aber der Hund ist gestorben. Natürlich könnten wir jetzt sagen: Wo ist in diesem Fall explizit der Nachrichtenwert? Der Hund ist gestorben; es gibt Schlimmeres auf der Welt.

Ich denke aber, dass sich wahrheitsgemäße Nachrichten in dieser Art gut transportieren lassen, indem Nachrichten auch mit der Emotionalität transportiert werden und diese nicht zu zu trockenen Nachrichten gemacht werden.

Wir sollten es vermeiden, uns möglichst weit von den Schicksalen der Menschen, den Personen zu entfernen. Das machen Kreml-Medien beispielsweise sehr gut, Geschichten zu personalisieren und zu emotionalisieren und wie sie immer versuchen auf Personen zu fokussieren und versuchen persönliche Schicksale in den Vordergrund zu stellen. Und ich finde in diesem einem Punkt, können wir, im bestimmten Maße, vom Kreml lernen.

Julian Röpcke - Foto: StopFakeDE

Julian Röpcke – Foto: StopFakeDE

Wovon wir im russischen Fall ganz sicher nicht lernen dürfen, ist die Fakten nicht so darzustellen, wie sie wirklich in der Realität sind oder beispielsweise den Kontext komplett zu vergessen. Nicht der Hund und diese betroffene Person ist das Wichtigste, sondern der Kontext und diesen hat Paul Ronzheimer in seinen Berichten aus der Ostukraine auch verdeutlicht. Der Konflikt betrifft beide Seiten: „In Awdijiwka, haben wir mit den Leuten gesprochen, die uns gesagt haben: Unsere Verwandten sitzen in Donezk im Keller und diese berichten auch, dass sie beschossen werden.“ Diese Beleuchtung des Gesamtkontexts und die Darstellung der gegenüberliegenden Seite würden sie in russischen Medien niemals finden. [Anm. StopFakeDE: Die Stadt Donezk befindet sich unter der temporärer Kontrolle von russischen Truppen und pro-russischen Seperatisten, während Awdijiwka von der ukrainischen Armee kontrolliert wird.]

StopFakeDE: Bleiben wir bei dem relativ aktuellen Fall Awdijiwka: Es gab neulich Berichte von OSINT-Analyseplattformen wie Informnapalm, die festgestellt haben, dass der Beschuss auf Donetzk‘ vom Separatisten besetzten Gebiet erfolgte. Demnach feuern russischen Truppen bzw. pro-russische Separatisten aus Donezk selber auf andere Wohnviertel Donetzk‘. Würden Sie über diese Geschichte selber berichten?

Julian Röpcke: Wir haben solche Geschichten selbst berichtet, im vorletzten Jahr zum Beispiel, als ein Spielplatz in Donezk beschossen wurde und zwei Kinder gestorben sind. Ich habe es damals selbst nachgeprüft, die Open-Source-Bilder geprüft und gesehen, es gab einen Beschuss aus einer Richtung, wo keine ukrainischen Truppen sein konnten.

Was ich in diesem Fall schwierig finde und sagen muss: Ich weiß nicht, ob es von russischer Seite Absicht ist. Denn wir sehen, was in Syrien passiert. Wir sehen bei den GRAD-Raketen, dass immer fünf von vierzig vor der Landung herunter stürzen; bevor diese das eigentliche Ziel erreicht haben. Dies geschieht in den meisten Fällen nach einigen wenigen Kilometern, auch wenn diese auf 15 Kilometer eingestellt sind. Und wenn wir uns ansehen, was von Bellingcat geolokalisiert wurde, von wo die Raketen kamen. [Anm. StopFakeDE: Im erwähnten Fall von Eigenbeschuss aus Donezk]. Dann war dies, diese Einschlagsstelle in Donezk ziemlich genau auf dem Weg zum Ziel Awdiijiwka.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein absichtlicher Beschuss ist um es der ukrainischen Seite zuzuschreiben. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass aufgrund der russischen Technik, die größtenteils 40 Jahre und noch älter ist, was die Separatisten und die pro-russischen Truppen haben, dass es auch versehentlicher Beschuss eigener Stellungen bzw. eigener Bevölkerungsgruppen ist, der aber natürlich hingenommen wird.

Pro-russische Meinungen werden in sozialen Medien künstlich produziert

StopFakeDE: Innerhalb der sozialen Netzwerke in Deutschland gibt es mitunter in bestimmten sozialen Medien den Eindruck, dass es dort eine starke Präsenz von pro-russischen oder zu mindestens russland-freundlichen Positionen zu Putin bzw. regelrechte Russland-Versteher gibt. Diese Stimmungen lassen sich momentan noch nicht wirklich in politischen Ergebnissen abbilden. Vom Fall Lisa abgesehen. Was denken Sie, was sind die Gründe dafür, dass wir im Online-Bereich eine so starke pro-russische Meinungsbildung erleben?

Julian Röpcke: Ich denke, diese sogenannte pro-russischen Meinung können wir in zwei Gruppen aufteilen.

  • Einerseits sind dies professionelle Menschen, die in Troll-Fabriken sitzen, von denen wir mit Sicherheit wissen, dass es diese gibt, beispielsweise in St. Petersburg und anderen russischen Städten. Dort arbeiten die Angestellten acht Stunden am Tag, im 3-Schicht-Betrieb, um pro-russische Nachrichten in mindestens zehn Sprachen zu veröffentlichen. Das ist auch erwiesen, da hat eine Dame, die aus einer solchen Troll-Fabrik kam, ausgepackt und berichtet.
  • Andererseits: Und dies sind, glaube ich wesentlich mehr, sind dies ideologisch verblendete Menschen, die sich selbst zu Online-Aktivisten und Online-Kriegern für den Kreml erklärt haben. Auch solche Leute haben wir bereits interviewt, die beispielsweise in Sachsen sitzen und dort stolz darauf sind, dass sie den ganzen Tag pro-russische Meinungen vertreten und das ,Merkel-Regime‘ mit ihren Kommentaren kritisieren.

Beides kombiniert führt dazu, dass es so aussieht, als hätten wir eine starke pro-russische Meinung innerhalb der sozialen Medien bzw. innerhalb der deutschen Gesamtbevölkerung.

Dem ist aber nicht so. Ich bezweifle sehr, dass diese Lage der Realität entspricht, denn wenn wir uns Umfragen ansehen, dann sehen wir, dass 80% der Befragten Deutschen angeben, dass Russland die größte Gefahr für Deutschland ist.

Oder wir sehen, gefragt wird: Ist Wladimir Putin ein guter Präsident? Dann erreichen Sie nicht mehr als auf 30 Prozent Zustimmung der Menschen, die sagen: „Ja, er ist ein guter Präsident.“ Und wenn Sie fragen würden, was aber nicht gefragt wurde, Putin oder Merkel, dann würden sicher 90% sagen, lieber Merkel als Putin.

Aber die Sachen, die ich gerade angesprochen habe: Die Freiwilligen und die Professionellen, die einen extrem hohen Aktivismus zeigen, ändern und verzerren das Bild in den sozialen Medien. Das ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass wir 2016 unsere Kommentarfunktion auf unserer Bild-Homepage unter den Artikeln ausgeschaltet haben. Wir haben die Kommentarfunktion lange aktiviert gelassen, haben aber dann festgestellt, dass 90% der Kommentare gegen uns, gegen die Artikel gerichtet sind. Und diese Kommentare sind dann für Assad oder für Russland oder für die AfD formuliert. Dann haben wir die Kommentare komplett ausgeschaltet.

Bei Facebook haben wir dies noch nicht gemacht, aber auch da kann ich Ihnen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Kommentare immer Pro-Trump, Pro-Putin ist. Und wie unser Chefredakteur der Bild, Herr Reichelt richtig gesagt hat: Wir lassen uns davon nicht mehr beeindrucken. Denn, nur weil etwas in den sozialen Medien Realität ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch tatsächlich Realität ist.

Beeinflussung der öffentlichen Meinung findet jetzt statt

StopFakeDE: Alternative Fakten bzw. Fake News spielten während der US-Wahl eine medial große Rolle. Welche Rolle spielen Fake News für die kommende Bundestagswahl?

Julian Röpcke: Ich sehe es nicht nur als eine Gefahr. Ich sehe, dass es gerade jetzt geschieht. Gerade jetzt passiert eine Einflussnahme. In den Formen, die ich gerade beschrieben habe: Nämlich in dem Versuch Stimmungen in den sozialen Medien zu verändern. Und nicht nur bei uns, sondern auch auf der Seite der Tagesschau, auf der Seite beim Spiegel, in vielen Kommentarfunktionen.

So wird versucht, den Medien zu zeigen, dass die Medienberichterstattung falsch läuft. Eher nach dem Tenor: Ihr müsst wesentlich „differenzierter“ berichten. Oder Ihr müsst wesentlich mehr die russische Haltung verstehen.

Jetzt wird zwar immer davor gewarnt. Aber nochmal, diese Warnung ist meiner Meinung nach viel zu spät: Wir haben in den USA gesehen, dass über WikiLeaks ähnliche Nachrichten verbreitet wurden, wie Sie diese auch bei russischen Staatsmedien finden. Dabei wurde bei WikiLeaks auch mit rechtsextremen Seiten zusammengearbeitet, wodurch am Ende die öffentliche Meinung verfälscht wurde. Es wurden negative Meinungen über Frau Clinton verbreitet, die keinesfalls stimmten. Und es wurden positive Informationen über Herrn Trump verbreitet.

Wir sehen jetzt das Gleiche in Frankreich: Ich habe einen Artikel darüber geschrieben, dass der französische Geheimdienst nicht nur vor einer russischen Einflussnahme warnt, sondern er sieht diese Einflussnahme tatsächlich. Der französische Geheimdienst sagt, dass in sozialen Medien Meinungen verfälscht werden, dass Herr Macron dabei diffamiert wird. In den sozialen Medien portraitieren sie den Präsidentschaftskandidaten Macron als Lobbyisten der amerikanischen Banken, Befürworter der Globalisierung und als Homosexuellen. Währenddessen werden Frau Le-Pen und Herr Fillion als große Chance und Hoffnungsträger für Frankreich dargestellt. Allein diese Kandidaten könnten den dritten Weltkrieg verhindern und sich mit Russland auszusöhnen, so der Tenor der Nachrichten.

Aber ich denke, wir müssen allein vom Warnen weg kommen und klarstellen, dass diese Beeinflussung derzeit, in diesem Moment passiert. Wir haben jetzt eine Einflussnahme bzw. den Versuch einer Einflussnahme, auf die Bevölkerung, auf die öffentliche Meinung, aus einer Mischung von „Fake News“ auf der einen Seite, beispielsweise „1000 Islamisten tanzen um eine brennende Kirche und schreien dabei ,Allah Akbar‘ “, was Breitbart verbreitet hat und was später von russischen Seiten aufgenommen wurde, was vollkommen jeglicher Grundlage entbehrt.

Auf der anderen Seite haben wir übertriebene Falschmeldungen, was zum Beispiel RT-Deutsch veröffentlicht hat. Nach RT sollen „2500 amerikanische Panzer durch Deutschland nach Polen“ rollen. Es waren tatsächlich aber nur 87 Panzer. Als ich den Chefredakteur von RT-Deutsch per Twitter darauf angesprochen habe, hat Herr Rodionov mir mit einem Tweet geantwortet. Er hat mir ein Interviewausschnitt mit einem amerikanischen Soldaten, mit dem Kommentar: „Vielleicht glauben Sie diesem guten amerikanischen Soldaten mehr“, getwittert. Und dieser amerikanische Soldat hat dann im Video gesagt, „2500 pieces of equipment are here, among them are 87 tanks.“

Ich hab ihm das vorgehalten und gesagt: „Sehen Sie das? Sehen Sie, was Sie mir dort gerade gegeben haben?“  Ivan Rodionov hat es dann bei Twitter berichtigt, aber der Artikel von RT wurde natürlich nicht berichtigt. Der Artikel sagt weiterhin 2500 Panzer sind nach Polen unterwegs.

In dieser Art und Weise arbeitet RT, die leben in einer kompletten Parallelwelt. Und deswegen glaube ich teilweise, dass diese Fake-News, die die Autoren selbst aufbauen, dass die Autoren und Leser daran wirklich glauben.

Die zeigen Ihnen ein Interview mit einem amerikanischen Soldaten, der etwas Anderes sagt, als was Sie daraus hören und ableiten und daraus eine Geschichte machen. Soviel nur zum Thema Fake News.

Die Überlegung ist immer: „Ist das alles gerechtfertigt oder glauben die Anhänger das wirklich? Oder ist das eine absichtliche Lüge?“ Ich bin mir da nicht ganz sicher. Wenn Sie AfD-Anhänger fragen, dann werden die Ihnen auch sagen, dass Herr Lutz Bachmann bei der russischen staatlichen Nachrichtenagentur gesagt hat: „700.000 Deutsche haben Deutschland verlassen … wegen der Migranten … weil die mit Merkel unzufrieden sind.“ Das nehmen die AfD-Anhänger als Fakten. Wenn die Anhänger twittern und bei Facebook darüber schreiben, dann nehmen diese es als Fakten. Das heißt, die wollen nicht zwangsläufig bewusst Fake News verbreiten, sondern die Anhänger glauben an eine alternative Realität. Und dies ist das eigentliche Problem, dass das Konzept von Wahrheit und Fakten durch sehr erfolgreiche russische Einflussnahme in Frage gestellt wurde. Dies sind nur Teile der deutschen Bevölkerung, dies sind noch nicht alle.

Aber ich denke, es sind Millionen Menschen in Deutschland, die nicht mehr den Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion sehen, was wir als Wahrheit und Fakten sehen und was wir mit „2500 pieces of equipment“ und nicht „2500 tanks“ eindeutig bestätigen können; und was wir dann auch anhand der durch Deutschland rollenden Fahrzeuge bestätigen können. Den Anhänger sind solche Überprüfungen dann egal und darin liegt das Problem.

StopFakeDE: Was wir tun können ist vor allem die Personifizierung von Geschichten um dieser riesigen Propaganda-Maschine etwas entgegen zu setzen? Wenn die Leser bzw. Autoren wirklich an alternative Fakten daran, wie können wir etwas daran ändern, dass diese Menschen wieder unsere Sicht sehen und wieder Fakten und Wahrheit anerkennen können?

Julian Röpcke: Wir müssen vor allem auf die Menschen setzten, die noch nicht vollkommen überzeugt sind von dieser parallelen Realität und diesen alternativen Fakten. Und wir müssen versuchen, denen zu sagen, was tatsächlich die Fakten sind. Eben: Nicht etwa „US-Ami sagt 87 Panzer fahren durch Deutschland“, Russia Today sagt „2500 Panzer durch Deutschland“, sondern diese beide Sachen berichten und dann sagen: Russia Today liest ein Interview mit einem US-Soldaten falsch, in dem es sagt, es sind Gegenstände inklusive Contatiner, Artillerie, Humvees und deshalb lügt Russia Today in diesem Artikel. Und anders geht es nicht. In diesem Fall kann und müssen wir dort nichts personifizieren. Ich würde es weder persönlich auf den Panzer oder auf Herrn Rodinov ziehen (lacht), sondern würde sagen: Dies sind die Fakten, es gab nie 2500 Panzer oder in manchen Berichten sogar 3600 Panzer, es gab immer nur 87 Panzer. Punkt.

Wir können immer nur Hintergrundinformationen anfügen, wie beispielsweise, dass die US-Armee insgesamt nur über knapp 8000 einsatzfähige Abrahams verfügt. Von denen ist aber nicht jeder dritte in Bremerhaven gelandet, sondern der Rest steht an anderen Punkten auf der Welt.

Es gibt staatliche Einrichtungen, diese funktionieren aber nicht gut

StopFakeDE: Stichwort Gegenmaßnahmen, in letzter Zeit gab es viele Meldungen, die nach der Notwendigkeit eines eigenen Ministeriums gegen Fake News, bzw. staatliche Maßnahmen gegen die Verbreitung von Fälschungen laut wurden. Heiko Maas hat erst neulich neue Strafmaßnahmen vorgeschlagen. Zusätzlich gab es einen nicht veröffentlichen Geheimdienstbericht zum Einfluss von russischer Desinformation in Deutschland, wonach es zwar Anzeichen für russische Beeinflussung gibt, diese aber wortwörtlich keine „smoking gun“ wäre. Braucht es eine staatliche Antwort auf diese Bedrohungen von Fake News oder sollten Initiativen und Lösungen doch eher aus der Mitte der Gesellschaft, aus der Zivilgesellschaft kommen? Auch um den Vorwurf zu begegnen, dass dies staatliche Propaganda bzw. Zensur wäre?

Julian Röpcke: Viele Medien haben den Bericht so dargestellt, als gäbe es keine gezielte Desinformation von russischer Seite. Dies stand auch in dem Bericht. Dort stand aber auch etwas ganz Wichtiges. Dort stand namentlich erwähnt, dass Russia Today und Sputnik falsch berichten, dass diese Medien hochgradig feindselig über Deutschland berichten und dass diese übertrieben berichten. Was die Autoren des Berichts daraus nicht ableiten wollten, war das Label „gezielte Desinformation.“ Ich weiß nicht, warum die Autoren des Untersuchungsbericht dies nicht explizit ableiten wollten, aber wir haben es bei Bild so aufgearbeitet, zu sagen: Im Bericht steht: „Russische Medien, vom Kreml gelenkt, berichten absichtlich falsch und übertrieben feindselig gegenüber Deutschland und gegen deutsche Interessen.“ Und danach stand aber im Bericht: „Wir können die Absicht des gezielten Desinformation nicht wirklich nachweisen, weil es zu kompliziert ist.“

Ich würde nicht sagen, dass dieser Bericht Russland entlastet, sondern dass er eher viele wertvolle und wichtige Fakten aufzählt. Am Ende möchte der Bericht trotz dieser Fakten keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Da können durchaus politische Gründe und politische Überlegungen dahinter stehen.

Generell bin ich nicht für eine staatliche Stelle, um diese Fragen zu regeln, denn wir haben staatliche Stellen, die dies regeln können. Aber ich sehe auch, dass diese staatlichen Stellen nicht funktionieren. Wir haben beispielsweise den Presserat. Lassen Sie mich das Beispiel kurz ausführen: Der Presserat ist eine große Institution, die ständig missbraucht wird um Artikel von Bild zu diskreditieren und uns zwingt zu Vorwürfen Stellung zu beziehen.

Und diese Eingaben beim Presserat kommen von genau den Aktivisten, die auch in den sozialen Medien sagen: „Merkel nach Sibirien, Putin nach Berlin!“ Das sind genau die gleichen Menschen. Ich kann diese jetzt nicht namentlich nennen. Aber beim Presserat müssen sich Personen jeweils mit Namen eintragen und wir können uns diese Namen anschauen und können sehen, was diese Menschen im Internet sonst sagen, nämlich: „Putin soll unser großer Präsident werden.“

Insofern gibt es solche wichtigen staatlichen Institutionen, die aber nicht funktionieren, weil sie missbraucht werden und deswegen gehe ich da ganz mit unseren Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, der sagt: „Es braucht freie Medien, die dem entgegen wirken.“ Es braucht investigative Medien, die sich nicht darauf verlassen, was allein gesagt wird, sondern es braucht Medien, die alles hinterfragen; in jeder Art und Weise.

Natürlich ist zivilgesellschaftliches Engagement immer zu befürworten und ich setzte auf genau solche freien Zusammenschlüsse und Untersuchungsplattformen, wie sie glücklicherweise jetzt entstehen und sie seit einigen Jahren existieren. Ich glaube aber, dass das von staatlicher Seite nicht gemacht werden dürfte, denn welchen Verantwortlichen wollen Sie in ein solches Gremium einladen?

Sie können Leute nehmen, die sagen: „Russia Today ist doof.“ Dann haben Sie von vornherein ein großes Problem, weil keiner sagt, dass die deutschen privaten Medien oder öffentlich-rechtlichen Medien nicht auch fehlerhaft oder falsch berichten können.

Presserat wird von Aktivisten missbraucht

Beispielsweise, gehen beim Presserat so gut wie nie Beschwerden ein zu Artikeln, die von Russia Today oder Sputnik geschrieben werden. Ich will damit sagen, dass dieses an sich sehr sinnvolle Instrument Presserat von Aktivisten missbraucht wird. Und der Presserat wird von den Menschen weitaus weniger genutzt wird, die sich den nicht-alternativen Fakten verpflichtet sehen. Und das ist definitiv ein Fakt, den wir stehen lassen können, dass dort viel weniger Beschwerden gegenüber Sputnik oder RT eingehen. Ich habe nicht gesehen, dass Russia Today zu der „2500 Panzer“-Geschichte, zu dieser falschen Behauptung, im Presserat Stellung beziehen musste.

Der Presserat macht die Anfragen und Überprüfungen auch nicht aus eigener Initiative, sondern Personen müssen sich direkt beim Presserat über einen Artikel beschweren. Und dieser schreibt dann die betroffenen Journalisten bzw. Autoren an. Wir haben deswegen jetzt schon ein unglaubliches Chaos, welches jetzt schon schlimm genug ist. Wir müssen uns jetzt bereits jede Woche mit dem Presserat auseinandersetzen. Und wie ich glaube, vor allem mit politisch motivierten Beschwerden beschäftigen.

Julian Röpcke - Foto: StopFakeDE

Julian Röpcke – Foto: StopFakeDE

StopFakeDE: Zum Abschluss, noch eine letzte Frage: Wie könnte ein normaler Leser Fakes erkennen?

Julian Röpcke: Ich glaube eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Ich glaube der Leser sollte einfach versuchen bei den Fakten zu bleiben und die Fakten sollten immer quer überprüft werden. Denn nur weil der Leser etwas beim Spiegel oder Stern, bei Focus, bei Bild, bei RT liest, heißt dies noch lange nicht, dass es ein Fakt ist. Der Leser sollte vergleichen, ob der gleiche Inhalt, auch in einem anderen Medium zu finden ist. Für die Leser, die sich schon etwas auskennen, wäre dann die Frage angebracht, sich selbst zu fragen, wer berichtet denn oft von einem anderen Standpunkt aus? Der Leser sollte dann genau diese Medien überprüfen. Und wenn diese Medien genau das Gegenteil dazu behaupten, oder gar nichts darüber sagen, dann würde mich dies als Leser sehr aufmerksam und stutzig machen. Ansonsten kann ich diese Frage nicht pauschal beantworten.

Das, was ich gerade gesagt habe, dieses Persönliche, dieses Emotionale, das ist typisch Boulevard und dass muss nicht bedeuten, dass es ein Fake ist – überhaupt nicht.  Insofern, Sie werden bei anderen Nachrichten-Portalen, wesentlich weniger emotionale Berichte finden, die trotzdem vollkommen falsch sind, weil dahinter eine gezielte politische Agenda steht.

StopFakeDE: Gibt es noch etwas was Sie unseren Lesern bzw. Menschen in der Ukraine mitteilen wollen?

Julian Röpcke: Was ich problematisch finde, was derzeit in der ukrainischen Medienlandschaft passiert, dass russische Sender komplett ausgeblendet werden. Ich meine damit der Lizenzentzug des Kanal Doschd. Nur weil dieser Kanal russischen Gesetzen unterliegt, weil dieser beispielsweise berichtet, dass die Krim russisch ist. Dies empfinde ich als großes Problem. Ich bin selbst nicht dafür, dass Russia Today und Sputnik in Deutschland abgeschaltet werden, sondern ich plädiere ganz klar dafür, dass diese Sender als staatliche politische Instrumente kennzeichnet werden. Diese russischen Staatsmedien sollen sich auch genauso kennzeichnen müssen, in jedem Video, in jedem Artikel sollte diese Medien schreiben müssen: Wir sind nicht unabhängig und wir sind nicht daran interessiert Fakten so darzustellen, wie sie sind, sondern daran interessiert die Wünsche unser Regierung umzusetzen, bzw. die Politik des Kreml umzusetzen. Wir sind Teil eines politischen Instruments Russlands. Ganz klar und deutlich. Genauso wie auch jedes andere staatliche Fernsehen sagen muss, welches im Ausland produziert oder im Ausland gesendet wird: „Das ist unser Auftrag.“ Die öffentlich-rechtlichen haben beispielsweise einen ganz klaren Auftrag. Die Seite RT_Deutsch hat auch einen Auftrag, der uns aber nicht verraten wird.

Generell finde ich es problematisch, komplette Zensur zu betreiben. Ich sehe natürlich die Gründe dahinter, warum dies in der Ukraine gemacht wird. Aber Kanäle abzuschalten, ist sicher nicht die Antwort auf die Konfrontation, sondern die Antwort muss sein, mit Aufklärung und mit Berichten, die auch greifen bei den Lesern oder bei den Zuschauern, zu versuchen, die Menschen dafür zu gewinnen, darüber zu informieren, was tatsächlich passiert und nicht die Zuschauer an Medien zu verlieren, die vor allem die alternative Fakten kommunizieren.

StopFakeDE: Wir danken für das sehr interessante Gespräch und wünschen Ihnen für Ihre wichtige Arbeit viel Erfolg.

Quellen: