Von Judith LangowskiSo wird in der Ukraine gegen Fake News gekämpft (Tagesspiegel, 11.10.2017)


Journalistische Faktenchecker in der Ukraine kämpfen gegen Oligarchen und den Kreml. Ein Lichtblick: Seit der US-Wahl wird ihre Arbeit ernst genommen.

Fake News, Desinformation, Propaganda. Diese Begriffe sind in Deutschland spätestens seit den US-Präsidentschaftswahlen geläufig. Doch in der Ukraine wird die Berichterstattung schon seit Beginn der Krim-Krise vor drei Jahren durch die Verbreitung falscher Nachrichten gestört. Besonders russischsprachige Medien verbreiten ihre eigene, oft falsche Version der Ereignisse auf der Krim und in der Ostukraine über das Internet, Fernsehen und kostenlosen Zeitungen.

„Das Ziel von Falschmeldungen ist es nicht, dass Leser sie glauben“, sagt Margo Gontar, Mitgründerin von Stop Fake, einer Organisation, die sich 2014 an der Kiewer Journalistenschule als Antwort auf die Falschnachrichten formierte. Gontar ist Videoproduzentin und Nachrichtensprecherin. Das Ziel von Fake News sei es, Leser und Zuschauer zu verwirren, „bis sie keinem Medium mehr vertrauen“. Weiterhin vermutet sie, dass durch die Verwirrung politische Apathie herbeigeführt werden soll.

Um dagegen zu steuern, überprüft und kontextualisiert Stop Fake Meldungen über die Ukraine. In ihren Videos im Nachrichtenformat entlarven sie Falschnachrichten und erklären deren Hintergrund. In drei Jahren hat Stop Fake 178 Videos produziert. Falschnachrichten gibt es noch viel mehr, darunter auch falsche anti-russische Meldungen von ukrainischer Seite. „Doch das ist keine zentral organisierte Desinformation, das sind eher Fälle von schlechtem Journalismus“, sagt Gontar. Reporter ohne Grenzen nennt die Medienlandschaft der Ukraine „vielfältig“, dennoch belegt das Land Platz 102 von 180 auf der Rangliste der Pressefreiheit. Drei Viertel des ukrainischen Medienmarktes gehören nur vier Oligarchen. „Wenigstens sind es verschiedene Oligarchen und nicht nur einer“, bemerkt Gontar dazu.

Schwierige Bedingungen für die Faktenchecker

Iryna Slavinska arbeitet in einem der wenigen Medien, das nicht einem Oligarchen gehört. Sie ist Mitgründerin, Moderatorin und Redakteurin des unabhängigen „Hromadske Radio“, finanziert über Stiftungsgelder und Spenden. Der Sender wurde als Stimme der Maidan-Proteste berühmt. Mittlerweile haben sie neun Stunden Sendezeit und 100 000 Hörer täglich. „Wir senden aus Kiew, Mariupol, Dnepr. Wir haben temporäre Lizenzen für die Regionen Donezk und Luhansk, hier erreichen die Radiowellen sogar die besetzten Teile dieser Regionen“, erklärt Slavinska. Für ukrainische Journalisten sei es aber gefährlich, in die seit 2014 von Separatisten besetzten Gebiete zu reisen. Die Nachrichten kommen daher anonym von dortigen Kontakten, oder ausländischen Journalisten, die einfacher in die Region reisen können.

Das macht die Arbeit der Faktenchecker nicht einfacher. „Ich fühle mich, als würde ich einen Monster-Virus bekämpfen“, klagt Gontar. Die Technik der Desinformanten werde immer besser. „Sie passen sich an und mutieren.“ Mittlerweile hat sogar das Kreml-nahe Medienorgan „Russia Today“ eine „Fake-Check“-Seite, die angebliche Falschnachrichten westlicher Medien wie der „New York Times“ entlarvt. Das amerikanische Medienforschungsinstitut Poynter kritisiert jedoch, dass sich bei „Fake Check“ legitime mit dubiosen Entlarvungen mischen.

Doch die Zeit arbeite für Organisationen wie Stop Fake, sagt Gontar. Seit drei Jahren warnen sie vor Desinformation, seit den US-Wahlen würde ihre Arbeit ernst genommen. Gontar weiß aber, dass es noch viel zu tun gibt: „So lange es den Kreml gibt“, sagt sie, werde es auch Fake News geben.

Von Judith LangowskiSo wird in der Ukraine gegen Fake News gekämpft (Tagesspiegel, 11.10.2017)