Tatsächlich gab es in der norwegischen Öffentlichkeit oder in den lokalen Medien keinerlei Empörung. Die Propagandisten nutzten einen Kommentar eines norwegischen Journalisten, der sich gegen den norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre richtete und nicht gegen die Ukraine oder Zelenskyj. Der Autor des besagten Kommentars selbst betonte, dass Norwegen die Ukraine uneingeschränkt unterstützen müsse. 

Russische Medien verbreiteten die Meldung, dass „in Norwegen Empörung über den geheimen Besuch von Zelenskyj“ bei der Beisetzung von König Harald V. herrsche und die Behörden des Landes „bis zuletzt versucht hätten, seine Ankunft in Oslo vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen“. Es wird zudem behauptet, dass „Zelenskyj selbst sich in keiner Weise zu dem möglichen Besuch geäußert habe“. Als Quelle wird ein Artikel der norwegischen Zeitung „Dagbladet“ genannt.

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In der Veröffentlichung selbst findet sich jedoch kein Wort über Empörung – weder seitens der Behörden, noch seitens der Politiker, noch seitens der Redaktion selbst. Der Beitrag erschien in der Rubrik „kjendis“ (Promi-Kronik) unter der neutralen Überschrift „Zelenskyj in Norwegen“ und stellt eine gewöhnliche Meldung über die Ankunft hochrangiger Gäste zu einer Beerdigung dar. Es werden darin keinerlei Vorwürfe gegenüber der ukrainischen Seite oder der norwegischen Regierung erhoben.

Das Wichtigste, was die Autoren der Zusammenfassung ausgelassen haben: Der Besuch wurde offiziell bestätigt. „Dies bestätigt das Büro des Ministerpräsidenten in einer Pressemitteilung am Dienstagabend“, heißt es im Text des Dagbladet. Dort wird auch eine öffentliche Stellungnahme von Ministerpräsident Jonas Gahr Støre zum Inhalt der Gespräche wiedergegeben: „Die Ukraine hat einen dringenden Bedarf an Luftabwehr und anderer militärischer Unterstützung, und ihr steht ein harter Winter bevor. Thema der Gespräche ist unter anderem, wie norwegische militärische und zivile Unterstützung den Bedürfnissen der Ukraine gerade jetzt am besten gerecht werden kann.“

Das „Dagbladet“ erläutert zudem den Grund, warum die Flugrouten des ukrainischen Präsidenten nicht bekannt gegeben werden: „Aus Sicherheitsgründen teilt das Team vo Zelenskyj selten mit, wohin er fliegt, bevor das Flugzeug gelandet ist.“ In diesem Fall bestätigte sich die Berechtigung dieser Vorgehensweise praktisch sofort. 

Der Besuch war auch für die internationalen Medien kein Geheimnis: Über die Ankunft vo Zelenskyj am 8. September berichteten Reuters, AFP, The Local Norway und andere Medien. Ukrainische und englischsprachige Medien haben auch den inhaltlichen Teil der Reise ausführlich beschrieben, den die russische Berichterstattung vollständig ignoriert: Wie der „Kyiv Independent“ berichtet, führte Zelenskyj Gespräche mit Støre, Finanzminister Jens Stoltenberg und Außenminister Espen Bart Eide über Fragen der Luftabwehr, den Bedarf an Abfangraketen, das Raketenabwehrprogramm FREYJA und die Vorbereitung der Ukraine auf den Winter. Zelenskyj traf sich zudem mit den Leitern von Rüstungsunternehmen der Partnerländer. Darüber berichteten „Ukrainska Pravda“ und „Evropeiska Pravda“. Zelenskyj selbst berichtete öffentlich in seinen sozialen Netzwerken über die Treffen.

Einige Tage später veröffentlichten Propaganda-Medien eine Fortsetzung – wonach Zelenskyj angeblich „die Beerdigung genutzt habe, um um Geld zu bitten“. Diesmal wird als Quelle die „norwegische Finanz- und Nachrichtenwebsite“ Investornytt genannt, und der Text wird mit der Formulierung „die Publikation stellte fest“ präsentiert – als redaktionelle Feststellung einer Tatsache. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine Autorenkolumne. Der Beitrag ist in der Rubrik „kommentar“ zu finden, als „Leder“ (Leitartikel) gekennzeichnet und vom Chefredakteur der Publikation, Markus N. Reitan, unterzeichnet. Investornytt selbst ist eine kleine Nischen-Website zu Wirtschafts- und Börsenthemen, die auf Abonnementbasis arbeitet, und kein landesweites Medienunternehmen auf dem Niveau von NRK, Aftenposten oder VG. Die Meinung des Redakteurs einer spezialisierten Finanzpublikation stellt weder die Position Norwegens dar noch handelt es sich um eine Nachrichtenmeldung.

Bei der Übersetzung des Artikels wurde die Bedeutung des Schlüsselausdrucks verändert. Im Original heißt es: „Es ist taktlos, dem Besuch einer Beerdigung eine Nebenagenda rund um Waffen und Geld zu geben“ (å gi begravelsesbesøket en sideagenda). In der russischen Nacherzählung wurde daraus „es ist taktlos, sich während der Trauerfeier auf Themen wie Waffen und Geld zu konzentrieren“ – das heißt, es entsteht der Eindruck, als hätten die Verhandlungen direkt während der Trauerfeier stattgefunden. Der Autor der Kolumne schreibt jedoch ausdrücklich das Gegenteil: Das Treffen zwischen Støre und Zelenskyj fand am 8. September statt, am Abend vor der Beerdigung, während die Trauerfeier selbst am nächsten Tag stattfand.

Auch der Kern der Kritik kommt nicht zum Ausdruck. Der Artikel befasst sich in erster Linie mit der norwegischen Innenpolitik: Der Autor ist empört darüber, dass die Parteien einen „borgfred“ – eine zweiwöchige Pause in den politischen Debatten bis zur Beerdigung – ausgerufen haben, den er als „bezahlten Urlaub von der Polemik“ bezeichnet, da die Abgeordneten während dieser Zeit weiterhin ihre Gehälter erhielten. Der Hauptvorwurf richtet sich an den Ministerpräsidenten und nicht an den Gast: „Støre hätte genug Besonnenheit an den Tag legen müssen, um diese Angelegenheiten voneinander zu trennen“, und der Text endet mit den Worten: „Støre hätte sagen sollen: Wir werden die Verhandlungen nach der Beerdigung führen.“ Der Autor räumt zudem ein, dass „es ein praktisches Argument für das Treffen gibt: Der Präsident befindet sich bereits in Oslo. Außerdem ist ein Arbeitstreffen kein parteipolitischer Streit“, und „wenn eine dringende militärische Entscheidung keinen Aufschub duldet, muss man sich natürlich damit befassen“.

Zuvor hatte StopFake ähnliche Manipulationen rund um die Auslandsreisen des ukrainischen Präsidenten in den Beiträgen „Fake: Selenskyj ist aus der Ukraine geflohen“ und „Manipulation: Selenskyj wurde nicht zu einem internationalen Gipfel eingeladen“ widerlegt.