Das im Internet verbreitete Video mit dem Logo von France 24 ist eine Fälschung. Weder auf der Website von France 24 noch auf den offiziellen Kanälen des Senders ist ein solcher Beitrag zu finden. Das Video wird ausschließlich in sozialen Netzwerken und auf pro-russischen Kanälen verbreitet und zielt darauf ab, die nukleare Erpressung zu verstärken und das europäische Publikum vor dem Hintergrund der Debatte über die neue französische Nukleardoktrin einzuschüchtern.
In russischen Telegram-Kanälen wird ein Video mit dem Logo des französischen Fernsehsenders France 24 verbreitet, in dem behauptet wird, Journalisten hätten angeblich berechnet: Russland „2 % seines Atomwaffenarsenals“ einsetzen müsse, um Frankreich, Deutschland und Polen „vollständig zu vernichten“. In den begleitenden Beiträgen heißt es außerdem, dass die Erfahrungen mit der Abwehr iranischer Raketenangriffe angeblich zeigen, dass es unmöglich sei, Atomangriffe abzufangen, und dass die europäischen Länder, „die sich dieser Mathematik bewusst sind“, sich weiterhin auf einen „Stellvertreterkrieg gegen Russland“ vorbereiten.

Dieses Video steht jedoch in keinem Zusammenhang mit France 24. Auf den offiziellen Kanälen des Senders ist kein solches Material zu finden. Weder France 24 noch andere renommierte internationale Medien haben Beiträge oder Untersuchungen mit ähnlichen „Berechnungen“ veröffentlicht. Das Video selbst wird vorwiegend in sozialen Netzwerken und auf pro-russischen Telegram-Kanälen verbreitet. Nach Angaben des Monitoring-Tools Osavul wurde dieses Video am 8. Mai als eines der ersten vom propagandistischen Telegram-Kanal „Voennyj Obozrevatel“ verbreitet.
Die Behauptung, man könne den genauen Prozentsatz des Atomwaffenarsenals „berechnen“, der für die „vollständige Vernichtung“ mehrerer Staaten erforderlich sei, ist eine pseudowissenschaftliche Manipulation. Es gibt zwar Schätzungen zu den Atomwaffenarsenalen: So veröffentlichen beispielsweise SIPRI und die Federation of American Scientists regelmäßig Daten zur Anzahl der Atomsprengköpfe weltweit und weisen darauf hin, dass Russland und die USA zusammen fast 90 % des globalen Atomwaffenarsenals besitzen. Doch solche Daten sind keine Berechnungen darüber, „wie viel zur Vernichtung eines Landes nötig ist“. Sie beschreiben die Struktur der Arsenale, die Modernisierung der Waffen und die Risiken eines neuen Wettrüstens, bieten jedoch keine Szenarien für die nukleare Vernichtung von Staaten an.
Propagandisten verwandeln echte Diskussionen über nukleare Abschreckung, die Sicherheit Europas und die russische Nuklearrhetorik bewusst in eine primitive Einschüchterungsformel – „2 % reichen Russland aus“. Dieser Trick ermöglicht es der Propaganda, den komplexen politischen und militärischen Kontext nicht zu erläutern, sondern dem Publikum sofort eine Schlussfolgerung aufzuzwingen: Widerstand gegen Russland und Unterstützung für die Ukraine seien angeblich sinnlos, da Moskau über zerstörerisches nukleares Potenzial verfüge.
Zur Erinnerung: Anfang März 2026 hielt der französische Präsident Emmanuel Macron auf dem U-Boot-Stützpunkt Île-Long eine Rede und kündigte eine grundlegende Neuausrichtung der französischen Politik der nuklearen Abschreckung an. Es ging um den Übergang zum Konzept der „Forward Deterrence“ – der „vorausschauenden Abschreckung“ –, d. h. um eine aktivere Rolle des französischen Nuklearpotenzials für die europäische Sicherheit. Nach Einschätzung des Atlantic Council war dies die größte Veränderung der französischen Nuklearpolitik seit Jahrzehnten: Paris beabsichtigt, sein Arsenal zu vergrößern, die genaue Anzahl der Sprengköpfe nicht mehr öffentlich bekannt zu geben, die vorübergehende Stationierung von Nuklearstreitkräften in verbündeten europäischen Ländern zuzulassen und die Zusammenarbeit mit Partnern zu vertiefen.
Dabei geht es nicht um die Weitergabe von Atomwaffen an Deutschland, Polen oder andere Länder. Macron hat, wie Experten anmerken, den Grundsatz der souveränen Kontrolle beibehalten: Die Entscheidung über den Einsatz französischer Atomwaffen liegt weiterhin ausschließlich bei Paris. Der Atlantic Council betont zudem, dass die neue Strategie kein klassisches „Nuklear-Sharing“ nach dem Vorbild der NATO bedeutet, sondern in erster Linie Koordination, gemeinsame Übungen und die Verstärkung konventioneller Streitkräfte – Luftabwehrsysteme, Radaranlagen, Langstreckenwaffen und andere Komponenten, die die strategische Abschreckung unterstützen können.
Das gefälschte Video tauchte zudem vor dem Hintergrund zunehmenden nuklearen Drucks seitens Moskaus und Minsk auf. Im Mai 2026 führten Russland und Weißrussland groß angelegte gemeinsame Nuklearübungen durch. Nach Angaben von Reuters und AP wurden dabei Einsätze mit Nuklearstreitkräften, einschließlich Raketeneinheiten und Luftwaffe, geübt; Weißrussland gab zudem Übungen bekannt, die den Einsatz der von Russland stationierten Atomwaffen betrafen.
Solche Maßnahmen sind Teil einer umfassenderen Strategie der nuklearen Abschreckung. Die NATO hat die russische Nuklearrhetorik wiederholt als gefährlich und unverantwortlich bezeichnet und betont, dass sich das Bündnis nicht einschüchtern lassen werde und dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden könne und niemals geführt werden dürfe. Analysten weisen zudem darauf hin, dass russische nukleare Drohungen als Druckmittel gegenüber westlichen Regierungen eingesetzt werden: Ziel ist es, die Angst vor einer Eskalation zu schüren und die Bereitschaft der Verbündeten zur Unterstützung der Ukraine zu schwächen.
Propagandaseiten verbreiten regelmäßig gefälschte Videos mit den Logos bekannter Medien. In diesem Fall werden ein gefälschter Beitrag unter dem Markenzeichen von France 24, pseudomathematische „Berechnungen“ und der beunruhigende Hintergrund realer Atomdebatten genutzt, um die Europäer einzuschüchtern, die Verteidigungspolitik Frankreichs, Deutschlands und Polens zu diskreditieren und die These zu verbreiten, dass die Unterstützung der Ukraine angeblich zu einer unvermeidlichen Katastrophe führe. Zuvor hatte die Kreml-Propaganda falsche Meldungen verbreitet, wonach Großbritannien und Frankreich angeblich vorhätten, der Ukraine Atomwaffen zu übergeben.



