Von Tim NeshitovRT Deutsch – volles Rohr für den Kreml (Süddeutsche.de, 17.2.2017)

Auch wenn es für eine gezielte Desinformationskampagne gegen Deutschland keine Beweise gibt: Wer das Programm des Kreml-Senders verfolgt, bekommt ein sehr mulmiges Gefühl.

Der Internetsender RT Deutsch hat eine Reihe mit dem Namen Einmal in Russland. Der Titel klingt nach Nostalgie, aber es sind vor allem aktuelle Reportagen: „Queer in Sankt Petersburg“, „Ein Schweizer Landwirt in Kaluga“ oder auch „Köstliche Küche trotz Sanktionen“. Entstünde bei RT Deutsch irgendwann mal ein geschichtliches Format, böte sich folgendes Sujet an:

Februar 1999, Wladimir Putin ist noch Geheimdienstchef, im russischen Fernsehen kommen arrivierte Moderatoren zusammen und sprechen über das Wesen von Journalismus und von Propaganda. Eine hochinteressante Runde, mittlerweile auf Youtube zu sehen. Einer sagt: Ein Künstler habe das Recht, sein Gemälde auch mal von oben bis unten rot anzumalen, aber ein Journalist müsse die Welt abbilden, wie sie sei. Leider gebe es immer mehr Pamphletisten, die sich als Journalisten tarnten. Der besorgte Fernsehstar, der so spricht, heißt Dmitri Kisseljow.

RT Deutsch will ein deutsches Medium sein, „dem Mainstream“ auf die Finger schauen

Einmal in Russland war das so. Heute leitet Kisseljow das staatliche Medienunternehmen Rossija Sewodnja, dem auch RT Deutsch gehört (RT steht für „Russia Today“). Kisseljow ist der einzige, ähm, Journalist, den die EU auf ihre Sanktionsliste gesetzt hat. Er sei, so die Begründung vom 15. September 2015, „die zentrale Figur der staatlichen Propaganda hinter der Mobilisierung der russischen Kräfte in der Ukraine“.

Mittlerweile sorgen sich bekanntlich Kanzleramt und Bundesnachrichtendienst, Kisseljow könnte, obwohl er in Deutschland Einreiseverbot hat, hier eine propagandistische Destabilisierungskampagne steuern, zumal im Wahljahr. BND und Verfassungsschützer haben ein Jahr lang untersucht, was Kisseljows Leute in Deutschland so treiben. Es gebe, so das Fazit, keine Beweise für eine gezielte Desinformationskampagne. Die Berichterstattung sei aber „feindselig“. Feindselig ist aber manchmal auch Dieter Bohlen bei DSDS. Schade, dass der Bericht geheim bleibt.

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Kisseljows Aussagen von 1999 waren vermutlich nicht Teil der Analyse, dabei sind sie fast interessanter, die ganze Verwandlung dieses Menschen ist interessanter als das doch etwas erwartbare, weil kremlfinanzierte Angebot von RT Deutsch und von der Agentur Sputnik, denen Kisseljow als Generaldirektor dient.

„Wenn man schon davon spricht, dass der Plebs alles frisst, nun, der Plebs wird immer alles fressen“, sagt Kisseljow 1999, ein begnadeter Massenpsychologe: „Man senke das Niveau, noch geschmackloser, noch nackter, jede Provokation, jede Senkung der Messlatte, jede Reduzierung von Moral und von Regeln, der Plebs wird alles fressen. Aber eines schönen Tages werden wir feststellen, dass wir uns im Dreck suhlen wie Schweine. Das wird dann so eine Gesellschaft: Wir werden uns gegenseitig fressen, mit dem Dreck zusammen.“

Dem Plebs von heute erzählt Kisseljow (er ist der einflussreichste Politkommentator Russlands) im Staatsfernsehen zum Beispiel Folgendes: Angela Merkel lasse sich von der alten deutschen Lebensraum-Fantasie leiten, etwa in ihrem Versuch, die Ukraine zu schlucken“: „Um seinen Lebensraum zu erweitern, zettelte Deutschland den Ersten Weltkrieg an, dann den Zweiten Weltkrieg. Bis zum 21. Jahrhundert hielt Deutschland diese vererbte Krankheit irgendwie im Zaum, aber Merkel hielt es insgeheim nicht mehr aus.“ Kisseljow meint das ernst, sein Brustkorb ist breit, seine Gestik hypnotisierend.

Da kann der Chefredakteur von RT Deutsch in Berlin, rein phänotypisch, nicht mithalten, das werden die BND-Leute erleichtert zur Kenntnis genommen haben. Der Kollege, Ivan Rodionov, hat nicht die Ausstrahlung einer satten Kobra, höchstens die eines Hütchenspielers. Feindselig kommt er nicht rüber. Er ist flink, hat Humor, spricht geschliffenes Deutsch. Die Geheimen sehen es offenbar als Bedrohung an, dass ein Russe in einem schicken weißen Hemd (plus Ohrring) dank seiner aufgekratzten Gescheitheit Postfakten schaffen könnte.

RT Deutsch gibt es seit November 2014, das Programm besteht derzeit noch aus Videos und Texten im Internet. Man fragt sich nur, je länger man RT Deutsch konsumiert: Sind hier wirklich BND und Verfassungsschutz für Warnhinweise zuständig? Nicht der Berufsverband Deutscher Psychiater? Vorsicht: halluzinogen, Wirkung hält zwei bis drei Stunden an.

Neon druckte kürzlich eine kluge Undercover-Geschichte über RT Deutsch. Der Reporter Martin Schlak verbrachte drei Wochen in der Redaktion in Berlin-Adlershof, getarnt als Praktikant. „Ich bekomme Zweifel an dem, was ich selbst für wahr halte“, schrieb er in seinem Artikel. „Wer lügt hier, und wer schreibt die Wahrheit? Ich weiß es nicht mehr.“

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Im Grunde kann man über jeden Baum, an dem man morgens vorbeiläuft, ins Grübeln geraten: Ist es der gleiche Baum wie gestern? Mit letztendlicher Sicherheit kann man so etwas nie sagen, denn es kann sein, dass jemand den Baum nachts ausgegraben und an seiner Stelle einen sehr ähnlichen eingepflanzt hat. Der Nachbar, die Außerirdischen, oder Georg Mascolo. Mascolo, ehemals Chefredakteur des Spiegel, leitet die Recherchekooperation von NDR, WDR und SZ. Rodionov hat mit ihm ein Hühnchen zu rupfen. In einem Kommentar nennt er Mascolo „die öffentlich-rechtliche Stimme der deutschen Geheimdienste„. Der Rest fügt sich. Ziel der Geheimdienste: Angst vor Russland schüren, um sich in Berlin noch mehr Geld, noch mehr Personal rauszuhauen.

Ist der Baum noch der Baum? Georg Mascolo als Maulwurf des BND in zwei öffentlich-rechtlichen Redaktionen und bei der Süddeutschen Zeitung? Glaubt man daran, muss man auch an Merkels Sehnsüchte nach Lebensraum glauben. Sonst arbeitet Rodionov mit feineren Mitteln. Das Hütchenspiel geht zum Beispiel so, bleiben wir beim Thema Feindseligkeit. Rodionov sagt mit pädagogischer Milde in die Kamera: „Da bin ich mir aber nicht ganz sicher, ob sie die Richtigen beobachtet haben.“

In suggestiv rasanter Reihenfolge werden dann besonders feindselige Schlagzeilen deutscher Medien eingeblendet: „Lügen-Attacke auf die Kanzlerin“, Bild vom 30. Januar (da hatte sich Bild über Kisseljows Lebensraum-Gequassel empört). „Angebliche Enthüllungen. Kann das Trump noch das Amt kosten?“ (Bild). „Nato schickt 4000 Soldaten an die Putin-Front.“ (Bild). „Panzer nach Litauen. Bundeswehr rüstet gegen Putin auf.“ (Bild). Nein, es kommen auch andere Medien vor. Ein Spiegel-Cover (Trump köpft Freiheitsstatue), ein Zeit Online-Kommentar: „Syrien: Sanktionen gegen Russland, jetzt!“ (das Wörtchen „Syrien“ subtil rausgeschnitten). Die Öffentlich-Rechtlichen sind auf der Feindseligen-Liste mit Tagesschau.de vertreten: „Reaktion auf Panama Papers: Putin sieht eine Kampagne.“

Das Hütchenspiel beginnt aber bereits bei der Selbstdefinition. Wir sind ein deutsches Medium, betont Rodionov, ein Medium, das „dem Mainstream“ auf die Finger schaut. Auf den ersten Blick stimmt das. Auf den zweiten Blick ist RT Deutsch aber eben keine neue medienkritische Plattform, wie etwa der Bildblog oder Übermedien von Stefan Niggemeier, sondern eine Pipeline des Mainstreams, nur halt des kremlrussischen, aber volles Rohr.

Es ist ein mulmiges Gefühl, den jungen, nichtrussischen RT-Mitarbeitern – Jasmin Kosubek, Reza Abadi, Kani Tuyala – bei ihrer Arbeit zuzusehen. Entweder wissen sie nicht, wo diese Pipeline beginnt, oder es ist ihnen egal. Jasmin Kosubek hat einen einfühlsamen Beitrag über Schwule und Lesben in Sankt Petersburg gedreht. Aber hat der Kollegin wirklich niemand erzählt, was Dmitri Kisseljow von Homosexuellen hält?

„Wenn sie bei einem Autounfall umkommen, muss man ihre Herzen in der Erde vergraben, oder verbrennen, als untauglich für die Fortsetzung irgendeines Lebens“, hat er gesagt. Ist auf Youtube, auf Englisch untertitelt.

[Anm. StopFake: Das vom Autor angesprochene Youtube-Video von Kisseljow finden Sie hier:]