Fake: Für Kiewer Eurovision werden auf Anweisung massenhaft Straßenhunde getötet

Ende Januar veröffentlichte die offizielle deutsche Webseite des Eurovision Song Contest www.eurovision.de einen Artikel mit dem Titel „ESC Grund für Hundetötung in Kiew?“, der sich dem Thema der Tötung von Straßenhunden in der Ukraine widmet. Laut Lesart des Artikels sollen im Zusammenhang mit dem im Mai in Kiew stattfindenden Eurovision Song Contest gezielt massenhaft Tötungen von Straßenhunden in Kiew stattfinden. Der Artikel lässt in Berlin lebende Ukrainer als „Kenner“ der Tierschutzszene auftreten und listet dabei auch die Petitionen auf, von denen die Initiative für die Diskussion wahrscheinlich ausging. Dabei sind Petitionen von Europäischen Tierschutzorganisationen an den Generaldirektor der Europäischen Rundfunk Union Jon Ola Sand sowie an den Kiewer Bürgermeister Vitalij Klitschko gelistet. Die Petitionen wurden dabei alle von dem ANIMAL RIGHTS Switzerland / France bzw. dessen Initiator den Schweizer Tierschützer und Fotografen Kurt Amsler ins Leben gerufen. Amsler gibt auf seiner Homepage an, dass er vor allem als Taucher und Unterwasserfotograf tätig ist. Amsler ist mit einer ganzen Reihe an Tierschutzpetitionen auf diversen Petitionsseiten für Tierschutzbelange aktiv geworden. In anderen Fällen forderte er nach der Festnahme eines Hundetöters in der Schweiz beispielsweise“ «Wir verlangen die Höchststrafe für den Hundemörder von Aarburg!!!».

Der Autor des Eurovision-Artikels vom NDR, nimmt an, dass solche „befürchteten“ Maßnahmen zur massenhaften Tiertötung auch am Vorabend der Fußball-Europameisterschaft „Euro-2012“ ergriffen wurden, um die Straßen von Kiew vor der Massenankunft von Touristen „sauber“ zu halten. Ukraine-Kenner wissen, dass es im Vorfeld der EM-2012 in Deutschland große Aufregung um Straßenhunde in der Ukraine gab und dass Maja Prinzessin von Hohenzollern damals eine der Wortführerinnen gegen Hundetötungen war.

Nun aber zu den Fakten und den Realitäten in der Ukraine. Auf Anfrage von „StopFake“ antwortet die Präsidentin der Kiewer „Tierschutzgruppe“ (Киевское общество защиты животных) Asia Serpinskaja, dass es 2012 keine zentralisierten Aktionen für die Tötung von Straßenhunde gab.

Asia Vilgelmovna Serpinskaya
Asia Vilgelmovna Serpinskaya

Zusätzlich ist die Tierschutzaktivistin auch gegenwärtig überzeugt, dass Straßentiere nicht von staatlicher Seite, sondern nur von illegalen Hundejägern („dog-hunters“) getötet werden würden. Dies sind aber Einzelpersonen, die oft allein agieren. Diese Personen würden strafrechtlich verfolgt, wenn man sie auf frischer Tat ertappt. Laut Serpinskaja, ist es aber auf Anfrage sehr schwierig sie „auf frischer Tat“ zu ertappen und diese damit zur strafrechtlichen Verantwortung zu ziehen.

Der Eurovision-Artikel führt als Beweis für gezielte Massentötungen der Hunde in Kiew einen Kommentar von Herr Paul Hrosul an. Dieser sei ein „in Berlin lebender Ukrainer und im vorigen Jahr deutschsprachiger Betreuer der ESC-Siegerin Jamala“. Der Kommentar von Hrosul wird dabei als Gutachten mit dem Untertitel wiedergegeben: „Kenner der gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem Heimatland zu den Hundetötungen“. Als sogenannter „Kenner“ stellt Hrosul fest, dass: „Alle Hunde, die auf der Straße wohnen, wurden eingesammelt und umgebracht, da es nicht viele Hundeheime gibt.“ Asia Serpinskaja von der Kiewer „Tierschutzgruppe“ widerlegt diese Informationen und sagt dass die Anzahl von Straßenhunden momentan nur bei knapp zweitausend Tieren in der ukrainischen Hauptstadt liegen würde. Für eine lebendige Metropole, in der momentan offiziell mehr als drei Millionen Menschen leben, ist dies eine winzige Zahl an Straßenhunden, versichert Serpinskaja StopFake.

Zurück zur englischen Version der Petition. Dort wird behauptet: „We already have evidence that Kiev city council has given a green light to “dog hunters” to massacre street dogs.” Verwiesen wird dabei auf Aussagen von Online-Foren von Einzelpersonen, die „in der Petition verlinkt werden. Ein gewisser Iurii Frolow, wird dort zitiert mit: „the Municipal government of Kiev has given us the green light (to clear Kiev from dogs).” Interessanterweise lassen sich diese Aussagen und Schlagzeilen per Rückwärtssuche nicht im Internet ausfindig machen. Lediglich die Seite der Petitionsanhänger und Tierschützer enthalten solche Aussagen, auf genauer einer einzigen Seite und einem Google-Treffer.

StopFake_DE hat zusätzlich bei der Kiewer Stadtverwaltung direkt angefragt, ob es a) angeordnete massenhafte Tötungen von Hunden gibt und b) wie es sich mit den sogenannten illegalen Hundejägern verhält und c) was die Stadt gedenkt in Bezug auf das Problem zu unternehmen.

Auf die offizielle Anfrage von StopFake_DE stellte der Vertreter der Kiewer Stadtverwaltung Andrij Maliovanyj fest, dass alle gefangenen Hundejäger auf Tatsache der begangenen Verbrechen zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden. Die Verfolgung solcher Straftaten beteiligt unter anderem die Nationale Polizei der Ukraine, die nach Hundejägern regelmäßig fahndet.

Zum Vorwurf der massenhaften gezielten Tötung von Hunden im Vorfeld der Eurovision 2017 in Kiew, lässt Maliovanyj bekannt geben, dass vom Kiewer Stadtrat keinerlei inhumane Maßnahmen angeordnet wurden, um die Anzahl von streunenden Hunden in Kiew zu reduzieren. Explizit gebe es auch keine verordneten Aktionen zur Tötung von Tieren und es gebe kein „grünes Licht“ für Hundejäger vonseiten der Stadtregierung. Als einzige angewendete Methode, um die Zahl der Straßentiere zu reduzieren, wurde das Konzept „Einfangen, Kastrieren, Freilassen“ von der Stadtregierung genannt. Eine Methode, nach der auch deutsche Tierschutzorganisationen vorgehen. Die Kiewer Stadtregierung ist sich des Problems der Hundejäger bewusst und tut alles in Ihrer Macht stehende um Hundejäger zu überführen. Allerdings gibt es kein staatliches Dezimierungsprogramm und auch im Vorfeld der Eurovision gibt es keine gezielten Aktionen um „Straßen zu säubern“ oder ähnliches.

Auch wenn Straßenhunde in der Ukraine generell ein Problem darstellen, dass es zu beachten gilt, sollten Tierfreunde und alle Mitmenschen zuerst auf die Faktenlage schauen und trotz guter Absichten erst die zuständigen Quellen und überprüfen. Drastische Bilder und starke Worte sollten eine mangelnde Faktenlage nicht überlagern. Falls es Interesse an Spenden für notleitende Tiere gibt, freuen sich ukrainische Tierschützer immer gern über Hilfe.