Weder die lettischen Behörden noch Krankenhäuser oder Stromnetzbetreiber haben von einem solchen Vorfall berichtet; auch wurden weder der Ort noch die medizinische Einrichtung noch das beschädigte Kraftwerk genannt. Die Geschichte wird lediglich anhand der Aussagen des Koordinators der pro-russischen Bewegung „Antifaschisten des Baltikums“ und anonymer „Anwohner“ beschrieben, was auf eine weitere Propaganda-Falschmeldung hindeutet.

In russischen Medien und auf Telegram-Kanälen kursieren Behauptungen, wonach es in einem Krankenhaus in Lettland angeblich aufgrund des Absturzes ukrainischer Drohnen zu einem Stromausfall auf der Intensivstation gekommen sei. In den Veröffentlichungen wird auf einen „Koordinator der Bewegung ‚Antifaschisten des Baltikums‘“ verwiesen, der behauptet, er habe Anrufe von Anwohnern erhalten, die von „zerstörten Kraftwerken“ und dem Ausfall der Intensivstation berichtet hätten.

Screenshot – ria.ru

Tatsächlich zeichnen offizielle Meldungen aus Lettland und Berichte internationaler Medien ein anderes Bild: Nach Angaben der lettischen Armee und Polizei drangen Anfang Mai mehrere Drohnen aus russischem Hoheitsgebiet in den lettischen Luftraum ein; zwei davon stürzten ab, während eine weitere einen kurzzeitigen Brand auf einem Öllager in Rēzekne auslöste, der von der Feuerwehr rasch gelöscht wurde. In diesen Berichten finden sich keinerlei Angaben zu Schäden an Kraftwerken oder zum Ausfall von Krankenhäusern, geschweige denn von Intensivstationen. 

Außerdem werden in der verbreiteten „Nachricht“ weder der Ort noch eine bestimmte medizinische Einrichtung noch das Kraftwerk genannt, das angeblich von Drohnen „bombardiert“ worden sein soll. Solche Details sind in offiziellen Erklärungen und Nachrichten über tatsächliche Notfälle stets enthalten, insbesondere wenn es um eine Lebensgefahr für Patienten geht.

Die Quelle dieser Informationen ist kein Vertreter der lettischen Behörden, eines Krankenhauses oder eines Energieversorgers, sondern der Koordinator der Bewegung „Antifaschisten des Baltikums“. Es handelt sich um eine pro-russische Organisation, die mit kremlnahen Medien und Telegram-Kanälen verbunden ist, welche regelmäßig antibaltische und antiukrainische Narrative verbreiten. Im vorliegenden Fall gibt der Koordinator einen anonymen Anruf von „Anwohnern“ wieder, ohne dass Dokumente, Fotos, offizielle Stellungnahmen oder überprüfbare Fakten vorliegen. 

Zudem widerspricht die Behauptung, die Reanimation sei aufgrund eines Stromausfalls „zum Erliegen gekommen“, den grundlegenden Standards für den Betrieb medizinischer Einrichtungen in den EU-Ländern. Krankenhäuser und insbesondere Intensivstationen gehören zur kritischen Infrastruktur und sind verpflichtet, über Notstromversorgungen, unterbrechungsfreie Stromversorgungssysteme sowie bewährte Vorgehensprotokolle für alle Arten von Netzausfällen zu verfügen. Selbst bei Angriffen auf das Stromnetz oder Naturkatastrophen ist ein Szenario, bei dem die Intensivstation aufgrund eines vorübergehenden Stromausfalls ihren Betrieb vollständig einstellt, äußerst unwahrscheinlich – genau aus diesem Grund werden solche Notfälle sofort Gegenstand öffentlicher Untersuchungen und offizieller Berichte. 

Eine solche Falschmeldung fügt sich in das bereits bekannte Propaganda-Narrativ ein: Die Ukraine soll als Bedrohung für die Zivilbevölkerung Europas dargestellt werden, während die Regierungen der baltischen Staaten als inkompetent und ihren Bürgern gegenüber gleichgültig erscheinen sollen.

Zuvor hatte StopFake bereits andere ähnliche Falschmeldungen widerlegt, beispielsweise die Behauptung, Lettland sei „wegen Kiew“ schutzlos geblieben.