Russische Medien verbreiteten die Nachricht, dass angebliche Soldaten des „Rechten Sektor“ in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk Unterrichtseinheiten in „Russophobie“ durchgeführt hätten. Dies stimmt aber nicht. Es handelt sich um eine Promotion-Aktion für eine Lokalzeitung, bei der russische Medien einem Amateurvideo auf den Leim gehen. Die Zeitungsmacher haben sich dabei der Wortwohl der russischen Propaganda befähigt und mit einfachsten Mitteln eine angebliche Unterrichtsstunde simuliert. Im russischen Fernsehen wird dies aber nicht deutlich, sondern als offizielle ukrainische Lehrveranstaltung dargestellt. Aber der Reihe nach:

Foto gemacht während des Dreh (Foto von Anton Kistol)

Das Video, das russische Medien als Quelle für die Story verwendet haben, wurde in sozialen Medien sowie YouTube stark verbreitet. Diese Aufnahmen wurden angeblich mit einer versteckten Handykamera durch einen Schüler während des Unterrichts aufgenommen. Diese Szenen sollen sich in einer Lehreinheit „Patriotismus“ in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk zugetragen haben.

In diesem Video ist ein Mann in britischer Militäruniform zu sehen, der eine automatische Waffe in der Hand hält und zu den vermeintlichen Schülern spricht. Er kündigt an, dass er heute den Schülern im Unterricht beibringen wird, wie man ein echter Patriot ist. Solche Lektionen, wie er sagt, werden „in allen Bildungseinrichtungen auf von Russen befreiten Territorien stattfinden.“ Der Mann mit der Waffe in der Hand präsentiert sich als Iurii Kowtenko, Rufname „Madness“ (Auf Deutsch: Wahnsinn. Irrsinn.), der Kämpfer von Abteilung von Bewachung von strategischen Objekten in der Stadt Kramatorsk.  Dann er liest den Kindern den Artikel vor „Was ist Russophobia?“ aus der Zeitung „Kropywatch“. Das Titelbild der Zeitung wird eingeblendet und zeigt ein Mädchen mit Hakenkreuz, darunter die Unterschrift: „Papa, töte den Russen“. Am Ende der Veranstaltung bittet der Kämpfer die Schüler zudem 15 Griwna (Anm. StopFake ca. 50 Eurocent) für die nächste Ausgabe des Unterrichts als „wohltätige Spende“ zu spenden. Jede Familie erhält dafür dann auch eine Ausgabe der Zeitung.

Als Antwort auf die Frage einer Schülerin, was man tun solle, wenn die eigenen Eltern Russen seien, erklingt die Antwort von Iurii Kowtenko: „Die Verleugnung der Zugehörigkeit zur russischen Nation geht nur über die Russophobie.“ Dieser Moment wurde besonders breit von Nutzern in russischen sozialen Netzwerken aufgegriffen, weil es Verwunderung darüber gab wie diese Schülerin ohne scheinbare Angst überhaupt eine solche spitze Frage offen an einen Kämpfer mit Automatikwaffe stellen konnte. Denn die Ukraine ist ja laut russischen sozialen Netzwerken ein Land in dem „offen Faschismus und Russophobie blühen“ würden.

All dies geschieht in einem Unterrichtsraum aus der Perspektive eines Schülerschreibtisches, das scheinbar auf einem Physiklehrbuch der 10. Klasse liegt. Hinter dem Soldaten an der Tafel hängt eine schwarzrote Flagge und Symbole, die wie die „Idea Nazi“ (Dt. Wolfsangel), aussehen. Diese Symbole werden vom ultranationalistischen Freiwilligenbataillon Asow als Erkennungszeichen und Logo verwendet. Die Nutzer in sozialen Netzwerken haben dabei auch schon angemerkt, dass die Schüler älter aussehen als angebliche Schüler einer 10. ukrainischen Klasse.

Über die „Russophobie-Lektion„, schrieben eine Reihe russischer Medien – der schon bekannte Fernsehsender des russischen Verteidigungsministeriums Zvezda, die Zeitung Komsomolskaja Prawda, Life.ru und andere. Der Staatssender Russia 1 zeigte am 3. Februar zur Hauptsendezeit im Programm „Die Zeit wird zeigen“ einen Auszug aus dem Video, wonach im Fernsehstudio danach heftig diskutiert wurde, warum die Ukrainer Kinder zu solchen Thema unterrichten und warum der Soldat im Video Russland eine „Nation von Alkoholikern und Obdachlosen“ nennen würde.

In sozialen Netzwerken hat das Video eine extreme Resonanz erfahren, mehr als 103.000 Aufrufe auf YouTube erhielt die Geschichte im Videoclip der abchasischen Nachrichtenagentur Anna News. Kinder würden in der Ukraine zum Faschismus erzogen. Die Autoren des Video-Beitrags verwenden dabei entsprechendes Material mit pseudo-christlicher Rhetorik – „Kinder sind das Allerheiligste und Reinste“; „Kinder in der heutigen Ukraine werden Opfer politischer Pädophilie“; „Ihre Seelen und Gehirne werden grausam und zynisch vergewaltigt“ usw.

Screenshot Website tvzvezda.ru

Nach der ersten Welle von Informationen, die die Veröffentlichung des YouTube-Kanal „Kropywatch Zeitung“ am 6. Februar verursachte, wurde in einem Interview mit Iurii Kowtenko veröffentlicht, der die Leitung  der „Lektion der Russophobia“ hielt. Dies ist das einzige Video, das auf diesem YouTube-Kanal veröffentlicht wurde. Text zum Video – „Der Mann, der den Kindern die Grundlagen des Faschismus und den Hass auf Russland lehrt, schämt sich nicht, interviewt zu werden„. Der Held erzählt im Video, warum sie „die Lehren aus dem Patriotismus“ und die Zeitung verbreiten. Er argumentiert auch, dass diese Lektionen – „eine gemeinsame Initiative von mehreren ukrainischen Ministerien und der Militär- und Zivilverwaltung“ seien. „Wir haben einen Auftrag aus dem Ministerium und führen diese Aktion aus.“ – sagt er.

Der Held des Videos ist angeblich Abgänger der Schule, vor der er steht. Hinter ihm sehen wir die ukrainische Flagge, den Spruch „Jahrgang 2016″ und Blumentöpfe in gelb-blauer Bemalung, welche aktuell typisch für die Ukraine sind.  Wie im Video zu sehen ist, befindet sich die Straße im Spätherbst. Der Spreche ist in einem Militär-Jacke mit dem Abzeichen „Thor mit uns“. zu sehen, beides kann problemlos in jedem Online-Shop erworben werden. Das Bild vom „Kämpfer“, will den Zuschauer überzeugen, dass wir es im Video mit einem „Vertreter des ukrainischen Nationalismus“ zu tun haben.

Die Zeitung „Kropywatch“ war schon früher Bestandteil russischer Medienberichte. So veröffentlichte das russische Medienmagazin Reedus im November 2016 einen Artikel über die Zeitung, die an ukrainischen Schulen verteilt werden würde. Darin befände sich der Aufruf Russen zu töten und bald aus Kramatorsk nach Polen auszuwandern. Die Meldung bezieht sich auf ein Foto einer angeblich in Kramatorsk lebenden Frau namens Nataliia Lapina, wonach die Zeitung für Kinder im Donetzker und Luhansker Gebiet produziert werden würde.

In der Tat wollte der Chefredakteur der Zeitung Anton Kistol den Verkauf der Zeitung ankurbeln in dem er ein provokantes Video produzieren wollte und kostenlose Werbung wollte um mit dem Papier Geld zu verdienen. Die elektronische Version kann über das Internet gefunden und heruntergeladen werden.  Die Veröffentlichung ist auf den 29. Oktober datiert.  Die Zeitung hat eine staatliche Registrierung als Printmedien-Publikation mit eingetragenem Titel.

Erste Seite der Zeitung.

Scan des Zertifikat der staatlichen Registrierung der Zeitung „Kropywatch“.

StopFake hat den Gründer der Zeitung Anton Kistol kontaktiert, der bestätigt, dass die beiden Videos auf YouTube von ihm choreographiert und geplant wurden. Wortwörtlich: „Diese Aktion war gedacht um ins russische Fernsehen zu kommen um damit kostenlos Werbung für die Zeitung zu machen.“ – schreibt er StopFake.Jedes Wort, war von uns orchestriert, weil wir wissen, was es ist, womit wir mit Emotionen der Russen spielen können. Und die Reaktion war ganz klar Empörung. Es war natürliche tiefschwarze PR, aber beachtet, dass relativ gesehen, haben wir für „250 Griwna“ Materialkosten (StopFake: Anm. 9 Euro) Werbung auf dem ersten russischen Kanal erhalten, die vielleicht sonst hunderttausend Dollar gekostet hätte.“
Anton Kistol, Jahrgang 1997, ist eine bekannte Person aus Dnipro (früher Dnipropetrovsk). Im Jahr 2015 nahm er an den Kommunalwahlen für die Partei UKROP teil. 2013 erhielt er als Zehntklässler eine Bemerkung für „Menschen, die uns 2013 überrascht haben“ und fällt mit seinen „Kosaken-Zitaten“ auf. Anton hat auch einen eigenen Blog.

Foto aus dem Unterrichtsraum.

Foto 2

Anton Kistol schickte StopFake Aufnahmen und Videos zu den Videos. Er sagte, dass er Studenten für das „Patriotismus“-Video jeweils 50 Griwna Gage, knapp 1,5 € gegeben habe. Das Interview mit dem „Kämpfer“ wäre in der Nähe der Schule Nr. 71 in Dnipro durchgeführt worden. Alles sei im Herbst aufgenommen worden.

„An Anfang als wir mit der Zeitung begonnen haben, haben wir versucht die Zeitung in sozialen Netzwerken zu fördern – von dort sollte es sich im Internet weiterverbreiten“, schreibt Kistol an StopFake-. „Wir haben online eine ukrainische Autorin des Antimaidan in Russland, in Beogorod gefunden. Wir haben ihr im Name der Mutter eines Jungen geschrieben, der in Kramatorsk Schüler ist und an solchen Veranstaltungen teilgenommen hat.“ Anton erzählte, dass der Artikel sich danach sehr schnell in russischen und pro-russischen Medien verbreitete. Reedus, Tomsk24, regionale Ausgaben.

Аnbei ein Video von Hintergrundaufnahmen zum Videodreh.