Fake: Westliche Wissenschaftler sagen eine achtzigprozentige Wahrscheinlichkeit eines Atomunfalls in der Ukraine voraus

In einer Studie für die Fachzeitschrift Energy Research & Social Science prognostizieren weltweit führende Wissenschaftler eine achtzigprozentig Wahrscheinlichkeit eines größeren nuklearen Unfalls in einem der ukrainischen Atomkraftwerke, teilte der TV-Sender Tsargrad mit. Tsargrad ist eine monarchistische Website, die mit der Russischen Orthodoxen Kirche und den russischen Sicherheitsdiensten verbunden ist. Die neue Weltuntergangsprognose wurde am Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 ausgestrahlt.

Tsargrad

Tsargrad führte eine eigene „Untersuchung“ über den aktuellen Stand der Dinge in den ukrainischen Atomkraftwerken durch und kam zu dem Schluss, dass „die Ukraine einem zweiten Tschernobyl nicht entgehen kann“. Mit der Behauptung, dass in den ukrainischen Atomkraftwerken ständig Brände auftreten, erklärt Tsargrad, dass westliche Experten wegen der Gefahren der Kernenergie in der Ukraine Alarm schlagen.

Zu den Vorwürfen im Detail: Tsargrads Geschichte beginnt mit der Behauptung, dass der dritte Kraftwerksblock des Autotransformators des Kernkraftwerks Riwne am 29. April angeblich beschädigt wurde, was zu einem mehr als einstündigen Brand und schließlich zur Abschaltung des Blocks führte.

Im Atomkraftwerk Riwne gab es aber keinen Brand. Am Abend des 29. April kam es zwar zu einer Abschaltung, aber das hatte nichts mit einem angeblichen Brand von Tsargrad zu tun. Nach Angaben der Atomkraftbetreiber geschah die Abschaltung aufgrund eines falschen Schutzsignals über den Verlust der Turbogeneratorleistung. Dieses Ereignis war derart unbedeutend, dass es auf der internationalen Skala der nuklearen und radiologischen Ereignisse nicht einmal als Vorfall eingestuft wird.

AKW-Standort Riwne

Ein Brand in der Nähe des dritten Blocks im Atomkraftwerk Riwne wurde tatsächlich registriert, doch ein Jahr zuvor, im Jahr 2019, fing ein Transformator einer Verteilerstation, der sich außerhalb des Blocks auf der Straße befand, Feuer. Der Brand wurde innerhalb einer Stunde gelöscht, und nach der internationalen nuklearen Ereignisskala war die Schwere des Vorfalls gleich Null, eine Situation, die weder für die Menschen noch für das Kernkraftwerk eine Bedrohung darstellt.

Seite von Energoatom

Eine weitere Fälschung, die Zargrad in dieser Geschichte verwendet, besteht darin, dass am 16. April dieses Jahres der Reaktor im dritten Block von Riwne völlig ausgefallen ist. An diesem Tag ging die Leistung in diesem Block zwar zurück, aber der Leistungsabfall war auf die Abschaltung der Hauptumwälzpumpe zurückzuführen, und dies geschah im April 2019 und nicht 2020, und wieder einmal wurde die Schwere des Vorfalls mit Null bewertet.

Aber die größte gefälschte Behauptung in dieser Taargrader Non-Story ist die Behauptung, dass westliche Wissenschaftler eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit eines weiteren nuklearen Unfalls in der Ukraine voraussagen. Zargrad bezieht sich auf eine angebliche Studie, die in der Zeitschrift Energy Research & Social Science veröffentlicht wurde, ohne die Studie selbst zu zitieren, wer sie durchgeführt hat und wann. Diese Fälschung zirkuliert seit 2017 in den russischen Medien, ohne direkten Bezug zu Energy Research & Social Science, sondern vielmehr zu einem italienischen Video von der Website Gli occhi della Guerra (Die Augen des Krieges), einem auf die Berichterstattung über Konflikte spezialisierten Medienunternehmen. Dieses Video ist zur wichtigsten Quelle für gefälschte Informationen über „den bevorstehenden Unfall in der ukrainischen Atomindustrie“ geworden. Gli Occhi della Guerra ist eine pro-russische Videoseite, die bei der Verbreitung gefälschter Informationen entdeckt wurde. Sie setzt sich aktiv für die Kreml-Linie in Italien ein, indem sie anti-ukrainische Rhetorik verwendet und die russische Aggression in der Ukraine unterstützt.

Screenshot der Geschichte von Gli Occhi Della Guerra“

Tatsächlich veröffentlichte die von Zargrad zitierte wissenschaftliche Zeitschrift „Energy Research and Social Science“ bereits 2016 eine Studie mit dem Titel Reassessing the Safety of Nuclear Energy (Neubewertung der Sicherheit der Kernenergie), in der die jüngsten statistischen Analysen von 216 Unfällen und Zwischenfällen in der Kernenergie zusammengefasst sind. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass die Rate der zivilen Nuklearunfälle im Laufe der Zeit seit 1952 gegenüber den 1970er Jahren deutlich zurückgegangen ist und ein scheinbar stabiles Niveau von etwa 0,003 Ereignissen pro Anlage und Jahr erreicht hat…. Es heißt: „Wir finden konkrete Beweise für eine Geschichte des Lernens aus früheren Unfällen innerhalb der Industrie, insbesondere die deutliche Verringerung der Ereignishäufigkeit nach dem Tschernobyl-Unfall von 1986″. Die Studie enthält keine weiteren Hinweise auf die Ukraine und auch keine Behauptung, dass sich 80% der schweren nuklearen Unfälle in ukrainischen Kraftwerken ereignen.