Top 10 der „unvergesslichsten Momente“ des russischen Fernsehen – Salisbury-Verdächtigte auf Platz 1

Artikel im Abschnitt ‚Kontext‘ sind keine Fälschungen. Wir veröffentlichen sie, um unseren Lesern einen besseren Einblick in die Techniken, Methoden und Praktiken der russischen Regierung in ihrem Informationskrieg zu geben. Die Meinung des Autors muss nicht der Meinung von StopFake entsprechen.


Von Sarah Hurst (@XSovietNews), für StopFake, Übersetzung: StopFakeDe

Das Interview der beiden Verdächtigen in der Salisbury-Vergiftung mit RT-Chefin Margarita Simonyan wurde weltweit mit Unglauben und Spott beantwortet und inspirierte Dutzende von Memes. Das Interview war dabei aber nur eine Fälschung von einer Vielzahl von Fälschungen und Desinformationen, die vom russischen Fernsehen im Laufe der Jahre – insbesondere seit der Invasion der Ukraine im Jahr 2014 – an leichtgläubige Zuschauer herangetragen wurden. Hier sind 10 der „unvergesslichsten Momente“ oder der „schlechtesten Fakes“ des russischen Fernsehens

1. RT-Interview mit den Salisbury-Verdächtigen, September 2018

Nachdem die britische Polizei Überwachungskamera-Aufnahmen von Alexander Petrov” und „Ruslan Boshirov” in Salisbury veröffentlicht hatte und Wladimir Putin öffentlich sagte, die Verdächtigen würden ihre Geschichte den Medien erzählen, erschienen die Verdächtigen tags darauf auf RT und sagten, dass sie zwei Geschäftsleute aus der Fitnessbranche seien, die Salisbury als Touristen besucht hätten — insgesamt zwei Mal in zwei Tagen, weil der Eis-Matsch es so schwierig gemacht hatte, alle berühmten Sehenswürdigkeiten von Salisbury zu besichtigen, wie beispielsweise die Kathedrale mit ihrem 123 Meter hohen Turm. Margarita Simonyan fragte sie dabei nicht nach den Spuren von Novitschok, die in ihrem schäbigen Hotelzimmer in London gefunden wurden. Im Interview war auch nicht einmal sicher, ob sie während des Interviews im selben Raum waren. Boshirov hatte einen knallroten Abdruck am linken Handgelenk, der von Handschellen abgescheuert worden sein könnte. Petrov und Boshirov haben laut OSINT-Untersuchen von Bellingcat Pässe mit fast fortlaufenden Nummern. Es gibt starke Hinweise, dass beide Pässe an Mitglieder der russischen Sicherheitsdienste ausgestellt wurden.

2. Life News sagt unbeabsichtigt die Wahrheit darüber, wer MH17 am 17. Juli 2014 abgeschossen hat

Die Rebellen haben verkündet, dass sie es geschafft haben, ein weiteres Transportflugzeug der ukrainischen Luftstreitkräfte abzuschießen, dies geschah über der Stadt Torez in der selbsternannten Volksrepublik Donezk“, sagte der russische Nachrichtensprecher. Ein Monat zuvor hatten die von Russland unterstützten Kräfte ein ukrainisches Flugzeug des Tyo Il-76 abgeschossen und alle 49 Menschen an Bord getötet. Der Bericht des pro-Kreml Senders Life News zeigte an diesem Tag den schwarzen Rauch des Unfalls in Torez, der sich bald als MH17 herausstellen wird. Die russischen Staatssender änderten sofort ihre Geschichte und bestanden darauf, dass der Passagierflugzeug mit 298 Personen an Bord von ukrainischen Truppen abgeschossen worden war.

  1. TV-Moderator Dmitri Kisseljow droht damit, die Vereinigten Staaten in radioaktive Asche zu verwandeln, März 2014

Als Russland die Krim annektierte, kommentierte der führender Fernsehpropagandist Dmitri Kisseljow: „Russland ist das einzige Land der Welt, das realistischerweise in der Lage ist, die Vereinigten Staaten in radioaktive Asche zu verwandeln“, in seiner Wochensendung auf dem Sender Rossiya 1, mit dem Hintergrundbild einer atomaren Wolke hinter ihm. Im Vorjahr, als Putin eine Kampagne gegen „Homosexuellenpropaganda“ förderte, sagte Kisseljow, dass die Herzen von Schwulen verbrannt werden sollten, anstatt für Organspenden verwendet zu werden. Zu seinen weiteren Lieblingsthemen in den letzten Jahren gehören sogenannte „Faschisten“ in der Ukraine, die Bedrohung Russlands durch die NATO, und die Hinterhältigkeit der britischen Sicherheitsdienste sowie seit kurzem auch Geschichten über Theresa May beim Fabrizieren von Geschichten über Vergiftungen in Salisbury.

4. Der „gekreuzigte Junge“ in der Ukraine, Juli 2014

Fast schon ein Klassiker im Bereich russischer Propaganda ist der Fall des „gekreuzigte Junge“ in der Ukraine aus dem Sommer 2014. Dieser schwerwiegende und leicht zu widerlegende Propagandabericht wurde vom russischen Pervyj Kanal ausgestrahlt, nur wenige Tage bevor MH17 abgeschossen wurde. Eine Frau, die behauptet, aus der ukrainischen Stadt Slowjansk in den Flüchtlingslager im russischen Grenzgebiet von Rostow geflohen zu sein, beschreibt tränenreich, wie sich die Menschen zu öffentlichen Hinrichtungen auf dem Hauptplatz der Stadt versammelt hätten (der Name des Platzes war bei ihr falsch). In ihrer Geschichte wäre ein dreijähriger Junge vor seiner Mutter an ein Schild genagelt worden. Nachdem der Junge qualvoll starb, wurde seine Mutter an einen Panzer gefesselt und um den Platz gefahren, so die Sprecherin „Galina“.Der Verstand weigert sich zu glauben, wie so etwas heute im Zentrum Europas überhaupt möglich sein könnte“, kommentierte der russische Reporter. Auf die Frage nach dem Vorfall, die anschließend von unabhängigen Journalisten gestellt wurde, sagten die Bewohner von Slowjansk, sie hätten nichts dergleichen gesehen.

  1. Dmytro Jaroschs Visitenkarte, April 2014

Der russische Fernsehsender Life News behauptete, dass die Visitenkarte von Dmytro Jarosch, dem Chef der nationalistischen Gruppe Prawyj Sektor am Tatort einer Schießerei zurückgelassen wurde. Der Vorfall habe sich an einem von russischen Streitkräften kontrollierten Kontrollpunkt in Slowjansk ereignet, bei dem drei Menschen getötet und drei verletzt wurden. Der rechte Sektor wurde zum wichtigsten Sündenbock Russlands für Vorfälle im Donbas, und die russischen Medien bestanden darauf, dass Nationalisten und Neonazis in der Ukraine an der Macht seien, obwohl sie tatsächlich einen sehr kleinen Prozentsatz der Stimmen bei den Parlamentswahlen erhielten. Die Visitenkarte von Dmytro Jarosch wurde zu einem Internet-Hit und Meme und einem ständigen Witz, wenn das russische Fernsehen empörende Behauptungen über die Ereignisse in der Ukraine aufstellt.

  1. Gefälschtes Skype-Gespräch zwischen Alexei Nawalny und Bill Browder, April 2016

Auf dem russischen Staatssender Rossiya 1 beschuldigte Dmitri Kisseljow den russischen Oppositionsführer Alexei Nawalny, ein Agent des britischen und amerikanischen Geheimdienst zu sein, was durch ein Skype-Gespräch mit dem Kreml-Feind Nr. 1 Bill Browder und „MI6 und CIA-Dokumente“, „beweisen“ würden. Dokumente die selber von grammatikalischen Fehler strotzen. In den Dokumenten wurde Nawalny als „Agent Freedom“ und Browder als „Solomon“ bezeichnet. In einem der Dokumente stand in schlechtem Englisch: Nawalny ist der am besten geeignete Kandidat für den zukünftigen politischen Führer“. Im Skype-Gespräch soll Nawalny angeblich geschrieben haben: „Sehr geehrter Herr Browder! Guten Tag. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, auch in diesem Format. Ich bin froh, Ihre Aufmerksamkeit zu haben, obwohl ich es nicht ganz verstehe“. Als dieser Bericht als falsch entlarvt wurde, entschied das russische Fernsehen, dass es besser sei, den Namen von Nawalny gar nicht zu erwähnen.

  1. Die Wahlbeteiligung in Russland übersteigt 146 Prozent, Dezember 2011

Das russische Fernsehen zeigte im Dezember 2011 eine nummerisch unmögliche Wahlbeteiligung von 146 Prozent bei den Duma-Wahlen an. Nach der Duma-Wahl 2011 und den Präsidentschaftswahlen 2012 gab es Massenproteste, aber die Behörden nutzten Gewalt, um ihre fragwürdige Leistung an der Wahlurne auszugleichen. Die Wahlfälschung ist heute noch offensichtlicher, da derzeit die Bewohner von Wladiwostok gegen den offensichtlich manipulierten Erfolg des amtierenden Gouverneurs von Primorje aus Einiges Russland gegen einen kommunistischen Gegner protestieren, der bis zum letzten Moment in der Stimmenauszählung geführt hatte. Bei den Präsidentschaftswahlen 2018 sicherte sich Putin seinen eigenen Sieg nicht nur durch Abstimmungen, sondern auch durch den Ausschluss seines Hauptgegners Alexei Nawalny .

  1. Regisseur Oliver Stone zeigt Putin Aufnahmen von Amerikanern in Afghanistan und nennt diese Russen in Syrien, Juni 2017

In „The Putin Interviews“, das auf dem russischen Pervyj Kanal ausgestrahlt wird, zeigt der amerikanische Regisseur Oliver Stone Putin ein Video, das angeblich von russischen Luftangriffen gegen ISIS in Syrien handelt. Es handelte sich aber  eigentlich um Aufnahmen von US-Angriffen in Afghanistan aus dem Jahr 2009. Stone hat im Laufe der Jahre einen bedeutenden Beitrag zur russischen Propaganda geleistet, darunter auch seine „Dokumentation“ „Ukraine on Fire“, die die Annexion der Krim rechtfertigt, den Einfluss der ukrainischen Neonazis übertreibt und behauptet, dass die Ukraine ohne die Hilfe Russlands nicht überleben kann. Sicherlich steckt der US-Geheimdienst hinter den meisten der unfairen Anschuldigungen gegen Russland und den Ereignissen in der Ukraine, so Stone.

  1. Russisches Fernsehen beschuldigt Deutschland der Vertuschung im Fall Lisa F., Januar 2016

Die Geschichte, die vom russischen Außenminister Sergej Lawrow und dem staatlichen Fernsehen verbreitet wurde, behauptet, dass ein 13-jähriges russisch-deutsches Mädchen namens Lisa F. von drei Unbekannten „südlicher“ oder „arabischer“ Herkunft entführt und vergewaltigt worden sei und dass Deutschland den Fall vertusche. Die aufgebrachte russisch-sprachige Öffentlichkeit provozierte Demonstrationen in Deutschland, die Gerechtigkeit für Lisa F. forderten. Die Polizei bewies, dass die Entführungsgeschichte durch die Analyse von Handy-Protokollen falsch war, und Lisa gab zu, dass sie sich freiwillig versteckt hatte und nicht vergewaltigt wurde. Die Bemühungen Russlands waren eine von vielen, um die Spannungen zum Thema Migranten in Europa zu entfachen.

  1. Geheime Filmaufnahmen des Oppositionspolitikers Michail Kassjanow beim Sex, April 2016

Der russische Fernsehsender NTV hat dem Ruf des ehemaligen Premierministers und Boris Nemtsow-Verbündeten Michail Kassjanow erfolgreich geschädigt, indem er einen Bericht über eine sexuelle Beziehung zwischen Kassjanow und der oppositionellen Aktivistin Natalia Pelevina austrahlte. Die Diskussion des Paares über ihren Wunsch, Alexei Nawalny zu besiegen, trug dazu bei, den Riss in der bereits gebrochenen russische Oppositionsbewegung zu verschärfen. Aber es scheint auch, dass je schwerer der Kreml versucht, gegen Nawalny und seine Anhänger vorzugehen, desto stärker wird er. Nawalny hat in letzter Zeit eine Reihe großer Proteste organisiert, und seine YouTube-Videos über korrupte Beamte, darunter Premierminister Dmitri Medwedew, haben Millionen von Zuschauern angezogen.


Von Sarah Hurst (@XSovietNews), für StopFake, Übersetzung: StopFakeDE