Schachwelt: Kreml plant betrügerischen Iljumzhinow mit profillosen Dworkowitsch zu ersetzen.

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Von Sarah Hurst (@XSovietNews), für StopFake

Seit 23 Jahren wird der Weltschachverband FIDE von einem der zynischsten und unehrlichsten Menschen auf dem Planeten, Kirsan Iljumzhinow als Geisel gefangen gehalten. Dieser Zustand wird sich zukünftig endlich ändern, aber vielleicht nicht wirklich zum Besseren: Der ehemalige russische Vizepremier Arkadij Dworkowitsch hofft, Iljumzhinow als Präsident der Schach-Föderation abzusetzen. Der Kreml hat dabei nicht die Absicht, seinen Einfluss auf die Schachwelt zu verlieren; mit dem damit verbundenen internationalen Ansehen und den damit verbundenen Möglichkeiten der Geldwäsche.

Das Problem der FIDE ist, dass der FIDE-Präsident von weniger als 200 Delegierten des nationalen Schachverbandes in den FIDE-Kongress gewählt wird. Diese Deligierten, um es ganz offen zu sagen, können realtiv leicht bestochen werden. Es gibt keinen Mechanismus, um einen FIDE-Präsidenten anzuklagen oder auszuschließen. Der ehemalige Weltmeister und Anti-Putin-Aktivist Garry Kasparow versuchte für die Wahl zu kandidieren und scheiterte 2014 an einer Wahl gegen Iljumzhinow. Iljumzhinow verwies seinen unterlegenen Gegner an die FIDE-„Ethikkommission“, die Kasparow für zwei Jahre wegen angeblicher Korruption und Stimmenkauf disqualifizierte.

Ermordung eines Journalisten

Iljumzhinows Korruptionsvorwürfe und andere kriminelle Aktivitäten stehen dabei außer Frage. Als Präsident der kleinen südrussischen Republik Kalmykien wurden 1998 zwei enge Helfer Iljumzhinows wegen Mordes an der oppositionellen Journalistin Larisa Yudina verurteilt. Yudina war damals Redakteurin der Oppositionszeitung Sowjetskaya Kalmykia Segodnya und wurde ermordert und in einem See verscharrt. Ein paar Monate vorher veranstaltete Iljumzhinow die Welt-Schacholympiade in der Hauptstadt Kalmykiens, Elista. Iljumzhinow wurde auch beschuldigt, sich durch die Nutzung von Kalmykien als Steuerparadies zu bereichern, und wurde 2010 zum Präsidenten der Region ernannt.

Im November 2015 wurde Iljumzhinow vom US-Finanzministerium für die wirtschaftliche Unterstützung der syrischen Regierung und der syrischen Zentralbank sanktioniert. Aufgrund der verhängten Sanktionen musste FIDE seine Konten bei der Bank UBS schließen und auf Treuhandkonten in Hongkong und der Schweiz verlegen. Iljumzhinow hat sich selbst früher auch mit seinen Freundschaften mit Saddam Hussein und Muammar Gaddafi gerühmt und gesagt, dass er einmal von Aliens entführt wurde. Es ist selbst auch mit Wladimir Putin freundschaftlich verbunden.

Iljumzhinows Vorstrafenregister ist noch viel länger als die genannten Straftaten, aber die letzte peinliche Episode fand kürzlich statt; als er jemanden namens „Glen Stark“ als US-amerikanischen Kandidaten für das Amt des FIDE-Generalsekretärs hinzufügte. Scharfsinnige Schachjournalisten, einschließlich Peter Doggers, entdeckten schnell, dass Glen Stark eigentlich ein Russe war, der mehrere Namen benutzte. Für kurze Zeit schien es so, dass Ilyumzhinovs Herrschaft zu Ende gehen würde und dass der neue Präsident wahrscheinlich der oberste FIDE-Beamte Georgios Makropoulos werde würde, der Iljumzhinow ins Abseits gedrängt und beträchtliche Macht erlangt hatte. Außerdem erlangte der Anti-Korruptions-Kandidat Nigel Short, einer der besten Spieler Großbritanniens mehr Aufmerksamkeit.

Dvorkovich mehr vorzeigbar 

Die neue Kandidatur von Dworkowitsch hat nun ein neues schweres Gewicht um die Wahl um der FIDE-Präsidentschaft in die Waagschale geworfen. Die Nominierung von Dworkowitsch selbst ist äußerst beunruhigend: Er selbst ist seit mehreren Jahren Beamter in der russischen Schachföderation und hält dort vor allem eine politische Position inne. So war er von 2012 bis Mai 2018 stellvertretender Premierminister Russlands, solange bis Premierminister Medwedew einige Kabinettsumbildungen vornahm. Er ist auch Vorstandsvorsitzender der Russischen Eisenbahn- und Vorsitzender des WM-Organisationskomitees.

Wenn man die Kriterien des Putin-Regimes als Maßstab nimmt, gilt der westlich ausgebildete Dworkowitsch als liberal. Anzunehmen, dass er die Verantwortung für die Invasion der Ukraine, die Bombardierung Syriens und innerrussischen Repressionen nicht teilt, wäre lächerlich. Aber  im Gegensatz zu Iljumzhinow ist Dworkowitsch in der Lage, das Regime repräsentativer erscheinen zu lassen, was eine wertvolle Eigenschaft ist. Im April ließ er aus seinem Mund auch etwas Wahrheit entweichen. Er sagte, dass es in Russland ohne die Weltmeisterschaft kein Wirtschaftswachstum geben würde. Seitdem hat die russische Regierung das Rentenalter erhöht, beispielswies für Männer, auf 65 Jahren, ein Alter welches höher ist als ein großer Teil der Lebenserwartung vieler russischen Männer. Dworkowitsch ist sich auch bewusst, dass der ehemalige Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew seit acht Jahren inhaftiert ist und dass ein ähnliches Schicksal auf ihn zukommen könnte, wenn er die Kreml-Linie nicht erreicht.

Britische Konkurrenten

Von einem neuen Putin-Verbündeten kann kaum angenommen werden, dass er die Korruption innerhalb der FIDE angeht oder gar beseitigt. Schon seit der Sowjetzeit ist Schach ein wichtiges Propagandainstrument des Kremls, ein Instrument, welches sie nicht aus der Hand geben wollen. Schaut man in die Zukunft, könnte Dworkowitsch Makropoulos eventuell an sich binden und ihn dadurch neutralisieren. Nigel Short, der verbleibende britische Konkurrent könnte sich dann in einem harten Zweikampf befinden. Short sagte früjer, noch bevor Dworkowitsch in den Wttkampf einstieg, über seinen Mitbewerber Makropoulos und Iljumzhinow:

„Es stimmt, dass ich noch nie über Geschäfte mit Völkermorddiktatoren gesprochen habe. Allerdings hatte ich nie die geringste Schwierigkeit, Bankkonten zu eröffnen oder zu führen, und offen gesagt, denke ich, das bringt mich schon weit vor die anderen beiden“.

Der britische internationale Großmeister, Geschäftsmann und Schachveranstalter Malcolm Pein glaubt, glaubt, dass seine Erfahrung und Makropoulos‘Wissen darüber, wie FIDE funktioniert, effektiver wäre als eine Präsidentschaft von Nigel Short. Pain kanditiert z. Zt. für das Amt des Vizepräsidenten auf dem Makropoulos-Ticket.

Short selbst sagte, es ist genauso wichtig, Makropoulos zu stoppen wie Iljumzhinow. Um mit seiner Kandidatur fortzufahren, musste Pein zunächst erfolgreich auf die Absetzung von Aguinaldo Jaime als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten drängen. Jaime ist bereits Vizepräsident und während seiner Zeit als Chef der angolanischen Zentralbank wurde ihm vorgeworfen, 50 Millionen Dollar an staatlichen Geldern auf ein privates US-Konto überwiesen zu haben.

„FIDE muss mehr nach Westen ausgerichtet sein. Unter Kirsan war es nach Osten gerichtet“, sagte Pein zu StopFake. Er fügte hinzu, dass die FIDE keine internationalen Veranstaltungen in Russland durchführen würde, weil sie sich an die Entscheidungen des IOC hält, dem sie angeschlossen ist. Aber Pein werde seine Pläne überdenken müssen, wenn Dworkowitsch mit Makropoulos zusammenarbeitet:  Er ist unnachgiebig, dass er nicht auf einem Dworkowitsch-Ticket sein wird und lehnt den Kreml entschieden ab

Keine glänzende Aussichten

In Russland gedachten einige Menschen des 20. Jahrestages der Ermordung von Larisa Yudina; am 8. Juni 2018.Ein Politiker der Jabloko-Partei Sergej Mitrochin twitterte:

„Ihr Blut klebt an Iljumzhinows Händen. Vor 20 Jahren ermordeten seine Helfer brutal die Redakteurin von Sowjetskaya Kalmykia Larisa Yudina. Derjenige, der es in Auftrag gegeben hat, ‚wurde immer noch nicht gefunden‘.  Sie schrieb über die Korruption in der Republik und beschuldigte vor allem den Präsidenten. BIS EIN GERICHT ANDERS ENTSCHEIDET, BETRACHTE ICH ILJUMZHINOW ALS DENJENIGEN, DER ES ANGEORDNET HAT“.

Yudina‘s Freunde und Familie denken, dass sie die Auszeichnung „Held von Kalmykien“ erhalten sollte und dass ihre Geschichte im Rahmen des lokalen Schulunterrichts erzählt werden sollte, berichtete Kavkazsky Uzel.

Seit über zwei Jahrzehnten hat die Schachwelt nicht den nötigen Mut aufgenommen gefunden, um gegen Iljumzhinow vorzugehen, um ihn als ihren Vorsitzenden zu entfernen und jetzt fragen sich die Spieler des Verbandes, wo das ganze Geld ihres Verbandes geblieben ist. Es sieht so aus, als würde Iljumzhinows Karriere unter der Belastung seiner eigenen Lügen zusammenbrechen, aber auch die FIDE-Delegierten müssen den Kreml-Gestalt Dworkowitsch aufhalten, wenn sie wollen, dass FIDE eine Organisation ist, die auch nur im Entferntesten respektabel ist. Die Geschichte deutete jedoch darauf hin, dass sie auf dem Weg der Schande und Selbstzerstörung weitergehen werden. Die Reformer werden immer wieder ausgetrickst.

Von Sarah Hurst (@XSovietNews), für StopFake